Wie zuvor im Irak versuchte der IS auch in Syrien, das politische Chaos und die konfessionellen Konflikte in der Region zu nutzen, um Fuß zu fassen. Mehrere weitere Faktoren machten die Lage in Syrien sogar noch explosiver, nicht zuletzt der Ausbruch des Bürgerkriegs, der sich aus zunächst noch friedlichen Rufen nach Reformen und einem Ende des autokratischen Regimes von Bashar al-Assad heraus entwickelte.
Während das Regime die Rebellion brutal niederschlug – was mehr als 200.000 Zivilisten das Leben kostete –, entwickelten sich auch unter den verschiedenen Fraktionen Konflikte.[1] Als dann noch extremistische islamistische Gruppierungen im Kampfgetümmel auftauchten – zunächst die al-Nusra-Front und dann der Islamische Staat im Irak und in Syrien –, brach schließlich das totale Chaos aus. Schnell verwandelte sich das säkulare und verhältnismäßig moderne Syrien in ein Land, das von den extremsten Ausformungen konfessioneller Aufsplitterung entzweit wurde. Das brachte regionale und internationale Supermächte auf den Plan, die sich auf der einen oder der anderen Seite dieses Stellvertreterkrieges positionierten.
Aus der syrischen Krise ist eine globale Krise mit weitreichenden internationalen Folgen geworden. Die Amerikaner mussten ihre früheren Ziele aufgeben, die vor allem auf einen Regimewechsel hinausliefen, weil der Islamische Staat mittlerweile für den Westen und für Assad zum Staatsfeind Nummer eins geworden war.
Die Assad-Dynastie
Wie im Irak dominierte die Baʾath-Partei seit 1963 die politische Landschaft Syriens. Seit 1970 herrscht wiederum die Familie Assad mit eiserner Faust über das Land. Bashar al-Assad übernahm im Jahr 2000 das Präsidentschaftsamt von seinem Vater Hafiz.
Ursprünglich wollte Hafiz Arzt werden, doch seine Eltern konnten nicht für die Studiengebühren aufkommen, weshalb er stattdessen eine militärische Laufbahn bei der Luftwaffe einschlug, um auf diese Weise in die Politik zu gelangen. Im Alter von 32 Jahren hatte er es zum Hauptmann gebracht und nahm an einem Militärputsch teil, in dessen Folge die Baʾath-Partei 1963 die Macht im Land übernahm. Hafiz selbst wurde nach dem erfolgreichen Umsturzversuch zum Luftwaffenkommandeur ernannt. Sieben Jahre und zwei Coups später übernahm Hafiz schließlich die Macht vollständig und erklärte sich zum Alleinherrscher Syriens.
Hafiz al-Assads autokratischer Regierungsstil basierte auf dem Credo des «starken Mannes», der bedingungslose Loyalität einforderte (unter Androhung von Gefängnis, Todesstrafe, Folter oder Exil). Er pflegte einen Personenkult, wie er in der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten einst üblich gewesen war, wo riesige Poster und Statuen des Anführers und seiner Familie auf die Bevölkerung herabschauten – eine Herangehensweise, die auch von Hafiz al-Assads Zeitgenossen Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi bevorzugt wurde.
Die Assads sind Aleviten und damit Anhänger einer islamischen Glaubensrichtung, die mit der schiitischen Lehre entfernt verwandt ist. Weil die demographische Zusammensetzung Syriens in späteren Kapiteln dieses Buches noch von großer Bedeutung sein wird, möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die 1,5 Millionen Aleviten, die in Syrien leben, nur 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Daneben gibt es noch 65 Prozent sunnitische Araber und 9 Prozent sunnitische Kurden im Land. Christen und Drusen sind mit einem Bevölkerungsanteil von 10 bzw. 3 Prozent ebenfalls Minderheiten, wobei Letztere einst aus den schiitischen Glaubensgemeinschaften hervorgingen.
Die Aleviten und die Drusen haben merkwürdig hybride Glaubensvorstellungen und werden deshalb von extremistischen Sunniten als Häretiker gesehen. Die Drusen haben andere abrahamitische wie auch neuplatonische und gnostische Glaubensinhalte und Praktiken übernommen. Die Aleviten halten sich für Schiiten, obwohl sie weder an das traditionelle Gebet noch an den Koran als Heilige Schrift glauben. Sie feiern das christliche Weihnachten, Ostern und das Dreikönigsfest und glauben an die Wiedergeburt (die allerdings den Männern vorbehalten ist). Am «ketzerischsten» mag jedoch ihre Lehre sein, nach der es sich bei Muhammads Schwiegersohn Ali tatsächlich um die Reinkarnation Gottes handelte. «Alevit» bedeutet «Anhänger Alis». Die alevitische shahada (das islamische Glaubensbekenntnis) lautet daher auch «Es gibt keinen anderen Gott als Ali», was die sunnitischen Salafisten enorm erzürnt.
In Syrien wurden die Aleviten lange verfolgt, doch das Blatt wendete sich, als Hafiz al-Assad an die Macht kam. In der syrischen Verfassung steht, dass das Staatsoberhaupt islamischen Glaubens sein muss – eine gleichermaßen politische wie religiöse Entscheidung, weil sie Christen ausschließt. Eine Zeitlang herrschten Zweifel, ob Assad aufgrund seines alevitischen Glaubens – der sich also enorm vom «traditionellen» Islam unterscheidet – überhaupt ein gläubiger Muslim war, bis ein libanesischer Imam namens Musa Sadr die Rechtmäßigkeit seines Amtsanspruchs bestätigte. Daraufhin kam es in der sunnitischen Bevölkerung immer wieder zu Aufständen gegen das von den Demonstranten als «atheistisch» empfundene Regime.
Wie Saddam Hussein erkannte auch Hafiz al-Assad die politische Kraft des Islam. Nach der Revolution im Iran betonte er immer wieder, dass Syrien ein islamischer Staat sei. Er tat dies, weil er befürchtete, dass der Aufstand in sein Herrschaftsgebiet hinüberschwappen könnte, während die Unzufriedenheit in Aleppo, Homs und Hama wuchs. Zu diesem Zeitpunkt gelang es dem nationalen Sicherheitsdienst aber noch, die sich ausbreitenden konfessionellen Konflikte zu ersticken.
In Syrien leben vier große Alevitenstämme: die Kalbiyah (der Clan der Assad-Familie), die Khaiyatin, die Haddadin und die Matawirah. Wie wir noch erfahren werden, sind Stammesallianzen in Syrien und im Irak von größter Bedeutung, um an die Macht zu gelangen und sie langfristig zu festigen. Hafiz al-Assad gelang es, die Unterstützung der meisten sunnitischen Clans zu gewinnen, indem er ihnen im Tausch gegen ihre Loyalität Geld und Macht anbot. Auch der Islamische Staat wusste die Stammesnetzwerke in ähnlicher Weise für sich zu nutzen.[2] Dass die Stämme dem Islamischen Staat nicht widerstanden, war für den Westen eine große Enttäuschung, der sich – vielleicht etwas naiv – für Syrien zunächst eine ähnliche Lösung herbeigesehnt hatte wie die «Erwachen»-Kampagne im Irak.
Hafiz al-Assad schloss die sunnitische Mehrheit zwar nicht aus dem Verwaltungsapparat aus, beschränkte ihre Teilnahme jedoch auf unwichtige politische Einrichtungen, während er strengstens darauf achtete, dass die Leitung des Militärs, der Sicherheitskräfte und des Geheimdienstes in alevitischen Händen und damit letztlich in denen seiner Familie blieben. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der syrische Sicherheitsapparat zu einem der brutalsten, gefährlichsten und komplexesten im ganzen Nahen Osten. Er bestand allein aus 48 verschiedenen Zentralstellen und unzähligen regionalen Abteilungen.[3]
Hafiz und seine Ehefrau Anisa Machluf, eine willensstarke Frau, die aus einer Bauernfamilie stammte, bekamen 1965 einen Sohn, den sie Bashar nannten. Der schüchterne, fleißige junge Mann war nicht die erste Wahl, wenn es darum ging, wer in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte. Eigentlich war sein Bruder Rifaat der Wunschkandidat; doch alle Hoffnungen zerschlugen sich, als dieser 1984 während eines Krankenhausaufenthalts seines Vaters einen Militärputsch wagte. Als nächstes wäre Bashars verwegener älterer Bruder Basil an der Reihe gewesen, doch der kam 1994 bei einem Unfall mit seinem Sportwagen ums Leben. Bashars jüngerer Bruder Mahir, der 1967 zur Welt gekommen war, galt als zu ungestüm, aggressiv und unberechenbar für das Präsidentschaftsamt, weshalb man ihm die Leitung der Republikanischen Garden übergab, des Rückgrats des syrischen Sicherheitsapparats. Später sollte er aus dieser Position heraus die brutale Niederschlagung der ersten Proteste während des Aufstandsbeginns befehligen; man geht davon aus, dass er es war, der im Januar 2014 den Chemiewaffenangriff auf Damaskus anordnete, um den vereitelten Anschlag auf den Präsidenten zu vergelten.[4]
Bashar studierte Medizin an der Universität von Damaskus und...