I Visionen einer heiligen Geburt
»Wenn wir akzeptieren,
dass Geburt ein ekstatisches Erlebnis sein kann,
setzen wir damit einen machtvollen
und heilenden Prozess in Gang.«
(Binnie A. Dansby)
Die Urkraft der Natur
Der Übergang in unser körperliches Dasein, das Geborenwerden, ist ein natürlicher Vorgang, der seit Jahrmillionen einfach »geschieht«. Ob man sich nun speziell darauf vorbereitet oder nicht, der Zyklus von Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt gibt den Rahmen für unsere körperliche Existenz vor. Von nahem betrachtet erscheint dieser Zyklus wie ein Wunder. Vieles ist nicht erklärbar oder steuerbar – Dinge, die in unserer rationalen westlichen Welt als sehr wichtig gewertet werden. Unkontrollierbarkeit und Unberechenbarkeit machen uns Angst. Nur wenn wir etwas verstehen und erklären können, meinen wir es im Griff zu haben. Wir brauchen dies, um uns sicher zu fühlen. Dadurch entstehen innerer Widerspruch und Spannung, denn tief in uns wissen wir, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Sie existiert weder in der Natur, noch erleben wir sie im Alltag. Trotzdem versuchen wir verzweifelt, die Unwägbarkeiten so weit wie möglich zu reduzieren.
Daran ist an sich nichts Schlechtes. Wenn wir uns jedoch einbilden, wir könnten alles steuern und bis ins Letzte durchdringen, schneiden wir uns von einer wesentlichen Kraft unseres Lebens ab: dem Vertrauen. Ohne Vertrauen gibt es kein dauerhaftes Voranschreiten, keine Weiterentwicklung. Ohne Vertrauen bleiben wir in unseren Vorstellungen gefangen, ohne unser Potenzial zu entfalten. Dies gilt auch – oder gerade – für die Geburt. Wenn wir sie in den Rahmen unserer erklärbaren Phänomene zwängen, können wir die Größe dieses Übergangs nicht erleben. Je mehr Handlungsalternativen und intellektuelles Wissen wir haben, umso schwerer fällt es uns manchmal, die unbekannte Weite der Wunder und ihre Kraft auf uns wirken zu lassen. Dadurch blockieren wir unsere persönliche Entwicklung, da wir nur zulassen, was wir bereits begriffen, also im Griff, haben. Die Geburt ist eines der größten Wunder der Natur. Wenn wir bereits während der Schwangerschaft unsere festen Bilder loslassen und uns einlassen auf die Führung der natürlichen Schöpferkraft, die alles Leben vorantreibt und nährt, dann können wir das ganze Wunder und die Heiligkeit dieses Prozesses erleben.
Die Kraft des Weiblichen
Die Kraft des Weiblichen ist die Quelle unserer Kreativität und des Lebens an sich. Wenn wir uns ihr hingeben, folgen wir einem Fluss, der uns an Energien anschließt, die unsere individuelle persönliche Kraft weit übersteigen. Die Geburt eines Kindes ist einer der größten Schöpfungsprozesse des Lebens. Ohne die Führung und Stütze dieser natürlichen Urkraft ist sie nicht möglich. Wenn wir uns der weiblichen Schöpferkraft bewusst sind und uns ihr öffnen, sind Schwangerschaft und Geburt mit Leichtigkeit und Ekstase verbunden.
In dem Versuch, die wundervollen und großartigen Vorgänge der Geburt zu begreifen und zu steuern, fokussieren wir uns in westlichen Industrieländern auf unsere linke Gehirnhälfte. Schwangerschaft und vor allem Geburt sind jedoch schöpferische Prozesse, die stark auf dem Einsatz der rechten Gehirnhälfte beruhen. Eine einfache Frage während der Geburt kann die Mutter bereits aus der Bahn werfen und sie von der wesentlichen Kraft abschneiden, da sie für eine Antwort die linke Gehirnhälfte aktivieren muss. Dies stört einen sanften Geburtsverlauf. Die Kontrolle des Neokortex, der in Aktion treten muss, wenn wir einen Satz als Antwort formulieren wollen, sollte bei der Geburt optimalerweise ausgeschaltet sein. Michel Odent schreibt hierzu: »Während einer Geburt (…) kommen alle Hemmungen vom Neokortex. Aus diesem Grunde gibt es in einer sehr spontanen Geburt nach der Säuger-Methode ein Stadium, in dem die Frau von unserer Welt wie abgeschnitten scheint, wie unterwegs zu einem anderen Planeten. Dieser Wechsel der Bewusstseinsebenen ist offensichtlich mit einem geringeren Grad an Kontrolle durch das neue Hirn verbunden.«2 Unsere Erziehung und andere Prägungen hindern uns, ebenso wie unser Umfeld, während der Geburt häufig, den für einen sanften Verlauf so wesentlichen Kontakt zu unseren inneren Welten zu halten.
Vor allem in westlichen Ländern werden wir dazu angehalten, unsere kognitiven, intellektuellen Fähigkeiten leistungsorientiert zu optimieren. Frauen stürzen – und stützen! – sich daher, wenn sie erfahren, dass sie schwanger sind, auf Ratgeber, die ihnen sagen sollen, wie Geburt funktioniert. In Geburtsvorbereitungskursen wird »richtiges« Atmen und Pressen trainiert. Das ohnehin schon schmerzvolle und Angst erregende Bild von Geburt, auf das wir lange Zeit konditioniert wurden und das sich mittlerweile in vielen Köpfen festgesetzt hat, wird noch unterstützt durch die Vorstellung, man könne eine Geburt nur durch entsprechende Vorbereitungskurse oder die obligatorischen ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen wohlbehalten überstehen.
Die Kraft, die Frauen seit Jahrmillionen durch den Geburtsvorgang leitet und sie stärkt, wird dabei völlig außer Acht gelassen. Viele Frauen haben das Bild einer gefahrvollen Geburt so verinnerlicht, dass sie den Zugang zu ihrer weiblichen Kraft mehr oder weniger verloren haben. Sie wünschen sich, die Geburt möglichst schnell und schmerzfrei »hinter sich zu bringen«, und meinen, dies sei nur durch Anästhesie, Kaiserschnitt und Ähnliches zu erreichen. Unterstützt wird diese Einstellung durch das vor allem in westlichen Kulturen weit verbreitete Verhalten, Verantwortung abzugeben – frei nach dem Motto: Wo lassen Sie gebären? Es ist daher an der Zeit, dass wir die Verantwortung für uns und unser Leben wieder übernehmen und bewusst auswählen, was wir tun wollen und werden. Denn nur so erreichen wir das Ziel: ein tief befriedigendes Leben voll Genuss und Lebensfreude.
Als ich schwanger war, fühlte ich eine Klarheit in mir wie selten zuvor. Vor allem bei der zweiten Schwangerschaft war ich mir sicher, dass es nicht nur mir, sondern auch meinem Kind sehr gut ging und alles »planmäßig« verlief. Schon bei Julie war ich nur wenige Male in einen Geburtsvorbereitungskurs gegangen. Mit den wohlmeinenden Ratschlägen und standardisierten Atem- und Pressinstruktionen konnte ich im wahrsten Sinnes des Wortes nichts anfangen. Anstatt uns individuell mit unseren jeweiligen Gefühlen und Empfindungen auseinander zu setzen und mit unseren Kindern Kontakt aufzunehmen, erfuhren wir dort, dass wir nur mit Hilfe spezieller »Techniken« in der Lage seien, die Geburt einigermaßen heil zu überstehen. Wer nicht sehr in sich gefestigt ist, bekommt spätestens in so ausgerichteten Kursen Angst zu versagen, etwas falsch zu machen. »Und wenn ich nun im wichtigsten Moment das richtige Atmen vergesse«, fragte damals eine Frau mit einem Anflug von Panik. Hinzu kommen die informativen Schilderungen von Freunden und Bekannten über dramatische Frühgeburten, Komplikationen wie Fruchtwasservergiftung und Ähnliches, die einer Schwangeren rechtzeitig klar machen, dass sie sich wirklich in höchster Gefahr befindet und sich nur ja in kompetente Hände begeben sollte.
Wer aber vermag einer werdenden Mutter in unserer Gesellschaft kompetente Hilfe zu leisten? Und: Braucht eine Mutter überhaupt Hilfe von außen?
Meines Erachtens muss auch hier stark differenziert werden. Jeder Mensch ist individuell, jede Ausgangslage unterschiedlich. Natürlich gibt es Gefahren und Risiken – wie überall im Leben. Dank unserer linken Gehirnhälfte haben wir in der Vergangenheit glücklicherweise einige Hilfsmittel und Auffangmaßnahmen entwickelt, die uns in Notfällen weiterhelfen. Was jedoch ziemlich in den Hintergrund gedrängt wurde, ist das Bewusstsein, dass eine starke weibliche Urkraft existiert, die Mütter seit Jahrmillionen erfolgreich durch die Geburt führt. In jeder Frau liegt der Schatz intuitiven Wissens um Schwangerschaft und Geburt verborgen. Wenn wir uns auf unsere innere Führung und unsere Empfindungen verlassen, so nehmen wir zum Beispiel auch Komplikationen oder Unregelmäßigkeiten wahr und können entsprechend handeln. An mir selbst habe ich erfahren, wie stark diese Urkraft und Führung ist. Wenn ich von Zweifeln und Angst befallen wurde, setzte ich mich ruhig hin und fühlte in mich hinein – und sofort überkam mich eine gewaltige Welle von Vertrauen und Klarheit. Ich wusste plötzlich wieder eindeutig, was zu tun beziehungsweise dass alles in Ordnung war.
Grundsätzlich steht dieses Wissen allen Frauen zur Verfügung. Durch unsere Erziehung und unser gesamtes Bildungssystem sind wir jedoch sehr stark auf den Intellekt und die linke Gehirnhälfte ausgerichtet. Viele haben den Zugang zu ihrer Innenwelt und einem höheren Bewusstsein verloren. Dies heißt nicht, dass er uns nicht mehr offen stünde. Wir haben ganz einfach anderen Dingen mehr Beachtung geschenkt und das Vertrauen in uns und unsere Kraft nicht genährt.
In diesem Buch möchte ich anhand meiner eigenen und den Erfahrungen anderer Frauen Wege aufzeigen, wie wir uns wieder mit unserer weiblichen Urkraft verbinden und dadurch uns selbst und den Seelen unserer Kinder zu einem leichten und beglückenden Übergang ins körperliche Leben verhelfen können.
Dreieinigkeit Körper – Geist – Seele
Damit wir Schwangerschaft und Geburt voller Freude genießen können, ist es wichtig, sich gewisse Dinge bewusst zu machen. Unsere inneren Bilder und Vorstellungen haben einen wesentlichen Einfluss darauf, wie wir diese Phase des Übergangs erleben. Das Wunder der Geburt geschieht, wie die meisten Erfahrungen, auf mehreren Ebenen. Die Einheit und Harmonie...