Trauerfacette Überleben
Diese Facette des Trauerns wird oft übersehen, aber sie hilft, das Verhalten vieler Menschen zu verstehen. Ich habe sie deshalb noch vor die Facette der Wirklichkeit und der Gefühle gesetzt. Wenn jemand stirbt, der uns zwar vertraut war, aber nicht existentiell wichtig für unser Leben, dann reagieren wir: traurig und ungläubig, erschrocken und bestürzt, aber wir können weiter atmen, gehen und denken. Dann können wir gleichzeitig weinen und überlegen, was als nächstes zu tun ist. So reagieren wir manchmal auch, wenn wir genug Zeit hatten, uns auf diesen Moment vorzubereiten. Aber manchmal ist es auch so, dass es sich anfühlt wie eine lebensbedrohliche Amputation, wenn jemand stirbt, der das eigene Herz fast ganz ausgefüllt hat.
Jetzt geht es darum, wie es gelingt, allein weiterzuleben und nicht mit zu sterben. Wie gelingt es, den nächsten Atemzug zu tun? Was unterstützt dabei, weiterleben zu wollen?
Unwillkürliche Schutzrektionen
Die Trauerfacette »Überleben« wird oft unwillkürlich ausgelöst, wir entscheiden uns nicht dafür, es passiert uns. Denn der Körper hat ein eigenes Überlebensrettungsprogramm, er versetzt Menschen, die eine schwere seelische Erschütterung durchleben, in einen Schockzustand. Dabei werden die Sinnesorgane schärfer, manche Gerüche, Bilder, Geräusche werden extrem intensiv wahrgenommen – aber nur in einem bestimmten Ausschnitt. Es ist wie ein Tunnelblick, der alle Sinne ergreift. Dieser Tunnelblick schützt Sie auf seine eigene Art. Viele Menschen sprechen von dem Gefühl, in Watte gepackt zu sein oder unter einer Art Käseglocke zu stehen. In dieser Schutzhülle wird die Vielfalt der Ereignisse ausgeblendet, und nur die Reize, die man gerade verarbeiten kann, kommen an. Das fühlt sich merkwürdig an, weil es Ruhe ermöglicht, wo man sonst verrückt würde. In dieser Schutzhülle spürt man sich selbst nur unvollständig: Hunger, Durst, Frieren, Müdigkeit und sogar körperliche Schmerzen werden nicht wahrgenommen. Leider trennt der unwillkürliche Schutzmantel auch von anderen Menschen, die mit ihren Gesten und Worten nur unvollständig durch die Hülle hindurchkommen. In den ersten Stunden nach einem erschütternden Erlebnis überwiegt der Nutzen dieses unwillkürlichen Schutzprogramms. Zu Beginn des Trauerweges kann es hilfreich sein, nicht nach rechts und links zu sehen, sondern einfach loszulaufen. Doch je länger »die Käseglocke« andauert, desto unwirklicher wirkt die Welt und desto weniger gelingt der Kontakt zu anderen Menschen.
Zusammenbruch?
Bei anderen Menschen bricht der innere Schutzwall zusammen, wenn die Todesnachricht eintrifft. Die Erkenntnis ist zu groß, sie können buchstäblich nicht ertragen, was passiert ist. Dann verlieren sie die Kontrolle über ihre Gefühle und Reaktionen. Das löst oft Schamgefühle aus, denn niemand möchte in der Gegenwart von anderen Menschen laut weinend zu Boden fallen oder vor Verzweiflung schreien. Für den weiteren Trauerweg ist eine starke emotionale Reaktion aber durchaus hilfreich, die Gefühle brechen auf und aus uns heraus und damit ist der erste Schrecken wie aus uns herausgewaschen. Auch wenn sich das anfühlt, als sei man gleich zu Beginn des Trauerweges in einem See versunken, ist es doch eigentlich wie der laute Schrei, mit dem man vom Zehnmeterbrett springt, um die gesammelte Anspannung loszuwerden. Damit das ein gelungener Sprung wird, ist die Anwesenheit und Unterstützung einer »stabilen Person« hilfreich. Das ist manchmal ein Notfallseelsorger, eine Rettungsassistentin oder eine Krankenschwester, manchmal ist es auch ein guter Freund oder Angehöriger. »Stabile Personen« sind in dieser Situation Menschen, die nicht mit eigenen Gefühlen beschäftigt sind. Sie behalten den Überblick und können Verantwortung für die übernehmen, die aufgewühlt und verzweifelt sind. Enge Freunde oder Verwandte sind im Moment des Sterbens oder der Todesnachricht selber betroffen, vielleicht nicht so sehr wie Sie selbst, aber sie sind doch auch aufgewühlt und traurig, deshalb können sie nur für eine begrenzte Zeit als »stabile Person« aktiv sein. Dann brauchen sie Gelegenheit, sich um sich selbst und ihre eigenen Gefühle zu kümmern.
Wenig Unterstützung als Stolperstein für den weiteren Trauerweg
Wenn man diese schweren Stunden allein durchlebt hat oder umgeben war von Menschen, die man nicht als hilfreich erlebt hat, dann kann sich eine große Verzweiflung einstellen, die als schweres Gepäck mit auf den weiteren Trauerweg geht. Ein Gefühl von »Es hilft mir ja doch keiner« macht den kommenden Trauerweg mühsamer, als er sein muss.
Trittsteine für diesen Stolperstein
Erinnern Sie sich an die erste Situation nach dem Sterben, in der jemand auftauchte, der mit konkreten Hilfsangeboten als Unterstützer für Sie da war. Überlegen Sie, ob irgendwann auch jemand haltgebend als »stabile Person« dazu kam.
Suchen Sie in Ihren Erinnerungen nach den Dingen/Eindrücken/Gedanken, an denen Sie sich festgehalten haben, solange niemand da war, der Sie gehalten hat.
Versuchen Sie, anderen Menschen auf dem weiteren Trauerweg eine Chance zu geben, bei Ihnen zu sein. Es gibt unterstützende und stabile Helfer für Trauernde, versuchen Sie, sie zu finden!
Zusammenreißen
Ist das nicht ein seltsamer Begriff? Eigentlich wird ja immer etwas zer-rissen oder wie ein altes Wort es nennt »entzwei-gerissen«. Wir können uns aber tatsächlich auch zusammen-reißen. Vielleicht weil es sich eigentlich so anfühlt, als sei man in zwei oder sogar noch mehr Teile zerrissen. Das zu überleben kann heißen, die Bestandteile des eigenen Selbst wie mit Gewalt zusammenzupressen, so wie ein Druckverband ganz fest auf eine Wunde gedrückt wird. Oder wie eine feste Bandage, die dem Sportler gegen die Verstauchung angelegt wird, damit er noch ein Stück weiterlaufen kann. So reißen wir uns manchmal zusammen, aus Angst, das eigentliche Zerrissen-Sein nicht überleben zu können. Manche Menschen reißen sich ständig zusammen, weil das in ihrer Erziehung ein wichtiger Grundsatz war, und so reagieren sie auch auf eine Todesnachricht mit Zusammenreißen oder wie es dann auch genannt werden kann: mit »Haltung«.
Ein anderer Grund für das Zusammenreißen ist die Angst, andere mit unserem Gefühlsausbruch zu schockieren oder ihnen sogar Schaden zuzufügen.
Falls Sie sich gleich zu Beginn des Trauerweges so zusammen-gerissen haben, dann war das zum momentanen Schutz von anderen oder sogar um sich selbst zu schützen. Beobachten Sie sich und suchen Sie auf dem weiteren Trauerweg die Gelegenheiten, an denen Sie den Druckverband lockern und schreien, weinen, klagen können. Es macht das Leben schwer, wenn man noch Jahre nach dem Tod eines nahen Menschen den Schrei in der Kehle fühlt, den man nicht geschrien hat. Oder wenn man sich fürchtet, auch nur eine einzige Träne zu vergießen, aus Angst, dann kämen all die ungeweinten Tränen der Zusammenreißzeit heraus und man könnte nie wieder aufhören zu weinen. (Das ist eine unbegründete Angst – Tränen hören immer irgendwann von allein auf!)
Das Überleben der anderen
Die Facette »Überleben« hat auch noch eine andere Seite als das eigene Überleben: Das ist das Überleben von Menschen, für die Sie Verantwortung tragen. Es kann sein, dass Sie sich mehr um das Überleben von anderen gekümmert haben als um Ihr eigenes. Dann haben Sie Ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt, um jemandem beizustehen, der Ihnen noch bedürftiger vorkam. Das können z. B. die eigenen Kinder sein, wenn sie noch kleiner sind und mit dem Tod von Mutter oder Vater konfrontiert sind. Dass Sie selbst gleichzeitig mit dem Tod des Partners bzw. der Partnerin zurechtkommen müssen, kann für Sie in den Hintergrund getreten sein angesichts der Verantwortung für Ihre Kinder. Es kann aber auch andersherum sein, dass Heranwachsende sich für ihre Eltern verantwortlich fühlen. Dann sorgen sie mit »erwachsenem« Verhalten dafür, dass es den Eltern nicht noch schlechter geht.
Vielleicht möchten Sie mit Ihren Angehörigen und Freunden darüber sprechen, wie jeder von ihnen die ersten Stunden erlebt hat: Wie war das bei ihnen – wer hat auf wen Rücksicht genommen? Und wie hat sich das auf Ihre Trauer ausgewirkt, für andere stabil geblieben zu sein oder dass da jemand für Sie stabil blieb? Tauschen Sie bitte »einfach« Ihre Erlebnisse aus und verzichten Sie auf Vorwürfe. Gegenseitiges Verständnis wird Ihnen auf dem bevorstehenden Trauerweg eine große Hilfe sein. (Das Kapitel »Die ersten Stunden« im Buch »Wir leben mit deiner Trauer« könnte eine gute Vorbereitung für ein solches Gespräch sein.)
Übung zum Rückblick auf die eigenen Überlebenshilfen
Wenn Sie dieses Kapitel einige Zeit nach dem Sterben des geliebten Menschen lesen, dann ist es Ihnen gelungen, weiter zu leben. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie:
Wie habe ich das gemacht, am Leben zu bleiben?
Woran habe ich mich innerlich festgehalten?
Wer war da? Gab es eine »stabile Person« für mich? Waren da »praktische UnterstützerInnen«?
Versuchen Sie, sich auf das zu konzentrieren, was Ihnen beim Überleben geholfen hat – z. B. eine Hand im Rücken, ein Gebet aus Kindertagen, die schlichte Anwesenheit anderer Familienangehöriger, das Alleinsein mit dem Verstorbenen oder auch das Rausgehen aus dem Sterbezimmer. Alles ist erlaubt, auch...