Einleitung
Der Schleier um Ingeborg Bachmanns Wiener Jahre beginnt sich zu lüften. Die im Verlauf des letzten Jahrzehnts publizierten Texte und Korrespondenzen – ihre Briefwechsel mit Hans Werner Henze (2004) und Paul Celan (2008), ihr Kriegstagebuch mit den Briefen Jack Hameshs (2010), die Skripte der Hörspielreihe Die Radiofamilie, die sie für den Sender Rot-Weiß-Rot schrieb (2011), und selbst der Briefwechsel zwischen Celan und den gemeinsamen Wiener Freunden Klaus und Nani Demus (2009) –, sie alle tragen dazu bei, das Wissen über Bachmanns Leben und frühes Schaffen im Wien der Nachkriegszeit erheblich zu erweitern. Dennoch bleibt das Bild der Jahre 1946 bis 1953, als sie im Literaturbetrieb der österreichischen Hauptstadt Fuß fasste, lückenhaft und – damit einhergehend – von Mythen umrankt. Obwohl zahlreiche Interpretationen ihrer Werke vorliegen und die verschiedenen intellektuellen Einflüsse dieser Zeit auf ihre Dichtung gut erforscht sind, muss in mancher Hinsicht immer noch von einem »Phantombild« gesprochen werden, und wer nach dem Verhältnis von Biographie und literarischem Werk fragt, ist oft auf Spekulationen angewiesen.
Ingeborg Bachmann selbst hat solchen Spekulationen Vorschub geleistet, indem sie, wie Sigrid Weigel konstatiert, den »öffentlichen Umgang mit ihrer ›Person‹« zu verhindern suchte. Das ist durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, »auf welche Weise sie als junge Autorin den Erwartungsnormen einer Schriftstellerlaufbahn erlegen war«.1 Insofern dienten die von ihr verbreiteten »verzeihlichen Lügen«2 in erster Linie dazu, mit der Entstehung der öffentlichen Figur Ingeborg Bachmann einen Schutzwall zwischen der empfundenen Realität und den Erwartungen von außen zu errichten. Zudem sind sie als Reaktion auf die schon in Wien aufkommende »Nachlassangst« (HW, 26.8.1948),3 die Angst um ihren zukünftigen Ruf als Mensch, nicht in erster Linie als Dichterin, zu verstehen. Die frühe Manipulation privater Belange wurde später zum absoluten Schweigegebot: »Denn ich habe zu schreiben. Und über den Rest hat man zu schweigen.« (GuI, 77)
Sowohl die schwierige Quellenlage der frühen Zeit als auch – und nicht zuletzt – das vielerörterte Diskretionsbedürfnis der Autorin haben dazu geführt, dass sich die Bachmann-Forschung vorwiegend theoretisch-poetologischen Themen zuwandte. Der Nexus zwischen Leben und Werk blieb – bei allen berechtigten Vorbehalten gegen biographistische Kurzschlüsse – weitgehend unterbelichtet. Dabei hat Ingeborg Bachmann aus gutem Grund von der elementaren Bedeutung des »geistigen Wiens« für ihr Schaffen gesprochen, worunter mehr zu fassen ist als die intellektuellen Einflüsse in der Nachkriegsmetropole oder ein imaginärer, gehasster und zugleich geliebter Sehnsuchtsort. Das »geistige Wien« sind auch und vor allem die Milieus, in denen sich der Alltag – das berufliche, soziale, intellektuelle und künstlerische Leben – der jungen Studentin und angehenden Schriftstellerin abspielte, das sind die Menschen, denen sie begegnete, die sie beeinflussten, förderten oder behinderten. In den komplexen und manchmal verwirrenden Erfahrungen, die sie in dieser »Stadt ohne Gewähr« (W II, 126) machte, steckt mancher Schlüssel zum Verständnis ihres damaligen wie späteren literarischen Schaffens. Denn Wien ist zweifellos die Brutstätte von Ingeborg Bachmanns Werk, wenn auch manchmal auf andere Weise, als bisher bekannt war.
Um ein vollständigeres Bild von Bachmanns Wien zu zeichnen, bedient sich dieser Band einer Fülle an bisher vernachlässigten Quellen aus dieser Zeit, darunter die aufschlussreichen Briefe Bachmanns an ihren Förderer und Geliebten Hans Weigel (dessen Briefe an Ingeborg Bachmann sind nicht überliefert) und ihre weitgehend oder bisher völlig unbekannten Texte für Wiener Kulturzeitschriften. Zudem gewährt auch die nähere Beschäftigung mit ihren zwar weniger prominenten, jedoch nicht weniger wichtigen Weggefährten und Mentoren, wie der Journalistin Elisabeth »Bobbie« Löcker, dem Theaterkritiker Siegfried Melchinger und dem Psychologen Viktor Frankl, interessante Einblicke in Bachmanns damaliges Umfeld. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang auch die Multiplikatoren ihres frühen Rufs als literarisches Talent, die Autoren Herbert Eisenreich, Milo Dor und Reinhard Federmann oder Berater wie die schon genannten Klaus und Nani Demus sowie zahlreiche andere Persönlichkeiten, die im Leben der angehenden Kulturjournalistin und Schriftstellerin eine weitaus größere Rolle spielten, als bisher angenommen. Die Briefe und Dokumente, die Ingeborg Bachmanns Erben sowie damalige Freunde und Kollegen freundlicherweise für dieses Projekt zur Verfügung gestellt haben – aus manchen wird in diesem Band erstmalig zitiert –, bestätigen die Vermutung, dass Leben und Werk der Dichterin während der Wiener Zeit besonders dicht miteinander verwoben waren. Sie zeigen auch, dass Bachmanns Weg zu einem »Leben in der Dichtung«4 angesichts der schwierigen Verhältnisse im besetzten Nachkriegs-Wien, wiederholter Rückschläge im privaten Bereich und infolge mancher Fehleinschätzungen oder Unterlassungen weder geradlinig noch stetig oder auch nur allzeit zielgerichtet verlief.
Viele Ereignisse und Umstände, die ihren Einfluss auf Bachmanns Werdegang auch über ihre Wiener Jahre hinaus behaupteten, haben in die bisherigen Biographien über die Schriftstellerin noch keinen Eingang gefunden. Ihr Leben in der österreichischen Hauptstadt birgt somit noch viele Überraschungen. Man entdeckt zum Beispiel in den Briefen und Dokumenten aus dieser Zeit kaum noch eine Spur der durch den Krieg zerstörten Kindheit in Klagenfurt,5 von der in der Bachmann-Literatur so oft die Rede ist. Stattdessen strotzt die junge Dichterin den widrigen Umständen zum Trotz oft vor Optimismus, Heiterkeit und Witz und entwickelt, mit ihrer zunehmenden Anerkennung als literarisches Talent, eine ausgeprägte Eitelkeit. Sie verliebt sich in zwei Männer gleichzeitig – Hans Weigel und Paul Celan – und in eine Stadt, die ihr ein neues Zuhause wird, und das nicht nur im räumlichen Sinn.
Geht man der Frage nach, mit welchen Erwartungen und Hoffnungen Ingeborg Bachmann nach Wien kam, stößt man auf die Geschichte einer jungen Frau voller Widersprüche. War es der Wunsch nach einer materiell abgesicherten Existenz? Möglich – doch war sie, wie sie im Kriegstagebuch schreibt, 1945 durchaus noch bereit, in Kärnten zu bleiben und sich bei der englischen Besatzungsmacht eine Arbeit zu suchen, sollte ihr das Studium verwehrt bleiben.6 Zudem wandte sie sich kaum zwei Jahre nachdem sie 1951 ihr Studium abgeschlossen und eine gut bezahlte Stelle beim amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot (RWR) gefunden hatte, einem materiell äußerst unsicheren Leben als freie Schriftstellerin zu und musste in den Jahren 1954 und 1955 ihr Einkommen erneut durch journalistische Arbeiten aufbessern. Erhoffte sie sich also vor allem den Durchbruch als Dichterin? Das ist eher unwahrscheinlich. Zwar erntete sie in Wien schon zwischen 1948 und 1950 beachtliche Anerkennung als literarisches Talent, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch relativ wenig publiziert hatte; auch erzielte sie im Frühjahr 1952 mit ihrer hochgelobten Radiobearbeitung von Thomas Wolfes Mannerhouse (1948) unter dem Titel Das Herrschaftshaus sowie ihrer »Entdeckung« auf der Mai-Tagung der Gruppe 47 in Deutschland schöne Erfolge und konnte die Vielseitigkeit ihrer dichterischen Begabung vor einem breiteren Publikum unter Beweis stellen. Dennoch kam sie wenige Monate später in einem Brief an ihren Schriftstellerkollegen Herbert Eisenreich zum Schluss, dass in ihrem Leben »die Literatur erst das Zweite oder Letzte« sei (HE, 11.11.1952).
Welche Hoffnungen und Erwartungen knüpfte Ingeborg Bachmann also an Wien? Vor allem schwebte ihr ein Neubeginn vor, und zwar in allen Bereichen ihres privaten und öffentlichen Lebens: materiell, intellektuell, emotional und künstlerisch. Das lässt sich einerseits als Flucht vor den psychischen Belastungen und der materiellen Not der Kriegsjahre verstehen, andererseits als Suche danach, was die tief empfundene Unruhe in ihrem Inneren stillen könnte. Eine Zeitlang glaubte sie dieses Ziel tatsächlich erreicht zu haben, schrieb in glänzenden Worten von ihrem neuen »Zuhause« (HW, 11.6.1948), dieser »grossartige[n] und hinreissende[n] Stadt« (HW, 10.6.1948), und schmiedete Zukunftspläne. Es ist kein Zufall, dass in Bachmanns Briefen aus dieser Zeit die Schilderung Wiens positiv ausfällt, bleibt doch das jeweils gezeichnete Bild der Nachkriegsmetropole zwischen 1946 und 1953 ein verlässliches Barometer ihrer Befindlichkeit.
In der Tat hat sich Ingeborg Bachmann in Wien sehr verändert, wenngleich auf eine Weise, die sie sich wohl selbst nicht hatte vorstellen können, als sie 1945 zum »längsten Weg«7 aus dem Kärntner Tal in die Donaumetropole aufbrach, wo sie sich im Lauf der nächsten Jahre in vielen Bereichen profilieren würde: als Akademikerin, Journalistin, Rundfunkredakteurin und Script Writer sowie als Schriftstellerin. Der intelligenten und sprachgewandten »Frau mit Ambitionen« (HW, o.D., vermutlich am oder kurz vor dem 18.8.1951), wie sie sich nannte, standen viele Türen offen; doch waren es nicht in erster Linie berufliche Erwägungen, die ihren...