3. TEIL II - DAS
EXPERIMENT
3.1. VORGESCHICHTE
3.1.a DIE PARAMOUNTS
... ist eine lokale Band, die sich auf Adaption von Filmmusiken der 60er Jahre spezialisiert hat und in diesem Stil ebenfalls Eigenkompositionen arrangiert. (Besetzung: Gitarre, Orgel, Bass, Schlagzeug) Die Formation setzt sich fast ausschließlich aus diplomierten Kulturpädagogen zusammen. Lediglich der Drummer - Michael Rowalska - hat sein Studium an der Hildesheimer Universität zugunsten eines Studienplatzes am Konservatorium in Berlin abgebrochen. Neben ihren Konzerten verdienen sich die Instrumentalisten als Theatermusiker und -schaupieler in der lokalen Off-Theaterszene ihren Lebensunterhalt. Die Band hat einen gewissen nationalen Bekanntheitsgrad. Sie spielt bei Eröffnungen von Filmfestivals, Messen, aber auch in Szene-Clubs, wie z.B. dem ATOMIC-CAFE in München - in dem BLACK CAT auch seine Premiere feierte. Die Paramounts haben bereits zwei CDs eingespielt (Auflage: 1000 Stück).
3.1.b BLACK CAT
Die Idee entstand im Herbst ‘97. Die Paramounts fragten mich, ob ich Interesse hätte, in ihrem Auftrag ein Musikvideo zu drehen. Der Film solle während der Konzerte als Rückprojektion laufen, um von der Band live synchronisiert zu werden - eine visuelle Hintergrundtapete zur Belebung des Bühnengeschehens. Inhaltliche Vorgabe: ein stummer Kurzfilm narrativer Art, in dem die Musiker als Akteure auftreten; nach Möglichkeit im Stil der 60er Jahre, um optisch mit dem musikalischen Arrangement der Band zu harmonieren. Auf keinen Fall sollte der Clip die Musiker beim performieren zeigen. Diese Ebene würde ja bereits live im Konzertsaal bedient werden. Die Konzept-Idee sollte also bewußt visuell gehalten sein. Ein Stummfilm, dessen Inhalt sich allein durch die Bilder erschließt; ohne für das Verständnis der Handlung notwendige Geräusche oder Dialoge - kurz: ein narrativer Musikclip. Mit diesen Vorgaben im Hinterkopf begann ich eine Geschichte zu konstruieren, deren Grundzüge ich bereits seit längerer Zeit mit mir herumtrug: die Geschichte eines angeblichen Fehlalarms, ausgelöst durch eine Katze, die sich im Nachhinein als Komplizin einer professionellen Einbrecherin entpuppt. Der Fehlalarm als inszenierter Trick für einen Diamantendiebstahl. Vorbilder waren diverse Kriminalfilme aus den 60ern, in denen es einem Profi (z.B. David Niven in DAS SUPERHIRN) gelingt die
hochmoderne und mit allen technischen Raffinessen ausgestattete Spezialalarmanlage auszuschalten und den begehrten „MacGuffin“ 152 zu ergattern.
Ich persönlich empfinde die Wahl des filmischen Genres als zur Musik passend, da sich Die Musik der Paramounts in erster Linie an spannungsgeladenen Themen orientiert (z.B. MISSION IMPOSSIBLE, JAMES BOND, MISS MARPLE, RAUMSCHIFF ORION, BULLIT). Anfangs hatte ich an eine reine Krimi-Parodie gedacht, da jedoch Die Paramounts ihre Arbeit eher als ernsthaftes musikalisches Zitat verstehen, wäre eine ironische Veralberung nicht adäquat.
Der Film w urde Januar ‘98 innerhalb von sechs Tagen an verschiedenen Locations (Fagus-GreCom-Werke in Alfeld, Römer- und Pelizäusmuseum Hildesheim, Polizei Hildesheim, Halle 39 in Hildesheim, Kulturfabrik Löseke) und Umgebung abgedreht. Die Crew setzte sich aus Studenten der Kulturpädagogik - vornehmlich aus dem Medienbereich - zusammen. So enstand als Gemeinschaftsproduktion zwischen den Paramounts und dem A.M.I. der Universität Hildesheim der Kurzfilm BLACK CAT.
3.2. DAS EXPERIMENT
3.2.a ABLAUF
Um die von mir aufgestellten Thesen im Rahmen des theoretischen Teils meiner Diplomarbeit anhand eines praktischen Beispiels zu verdeutlichen, kam mir die Idee das Rohmaterial von BLACK CAT unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten montieren zu lassen: als Musikvideo und als Kurzfilm. Ich fand zwei befreundete Cutter, die bereit waren unabhängig voneinander jeweils eine eigene, genrespezifische Fassung aus ein und demselben Rohmaterial zu erstellen. Karl-Heinz Stenz realisierte die Montage des Kurzfilms, Patrick Gericke hingegen arbeitete an dem Musikvideo. Ich war der Ansicht, daß so die Unterschiede zwischen den beiden Genres am Besten zu analysieren seien.
Sofort nach Entwicklung und Abtastung der Filmrollen wurde das Rohmaterial in Form einer Betacam-Kopie zunächst an Stenz übergeben - ohne irgendwelche ästhetischen Vorgaben. Die einzigen Hilfsmittel für den Schnitt waren ein Drehbuch, sowie die von mir intendierte Auflösung anhand eines gezeichneten Storyboards, um eine grobe Idee von der Grundstruktur der Geschichte zu vermitteln. Diese Auflösung war jedoch nicht verbindlich und es wurde beiden Cuttern freigestellt, die Anordnung der Szenen - sprich: die Montage - zu variieren. Aufgrund zahlreicher Unterbelichtungen habe ich zusammen mit beiden Cuttern das Material gesichtet und erläutert. Im Anschluß erhielten beide eine detaillierte Skript-Liste bezüglich Bild und Ton auf denen genau erfaßt war, welcher Take in wieviel Versionen unter welchem
Time-Code zu finden war, um den technischen Ablauf der Schnittarbeit ökonomischer zu gestalten. Darüber hinaus befragte ich beide Cutter bezüglich ihres Vorwissens und einer ersten Einschätzung ihrer Montagearbeit. 153 Stenz erstellte daraufhin einen narrativen Kurzfilm mit Originalton.
Zu dieser Montage komponierten Die Paramounts eine Filmmusik, die dem Video im Anschluß unterlegt wurde. Patrick Gericke erhielt die Musik und montierte aus dem Rohmaterial ein Musikvideo - ohne die Schnittversion seines Vorgängers gesehen zu haben. Im Anschluß sichtete ich beide Versionen jewe ils zusammen mit dem betreffenden Cutter und führte abermals eine Befragung bezüglich des fertigen Produkts durch.
Die Reihenfolge des Experiments sah also folgendermaßen aus:
- Konzeptentwurf in Abstimmung mit den Paramounts
- Dreharbeiten & Entwicklung & Abtastung des Materials
- Sichtung des Materials zusammen mit beiden Cuttern
- Einzelinterviews mit den Cuttern (bzgl. Vorwissen)
- Schnitt eines narrativen Kurzfilms durch Stenz
- Komposition der Musik durch Die Paramounts
- Schnitt eines Musikvideos zu der Komposition der Paramounts durch Gericke
- Sichtung der Schnittversionen zusammen mit dem jeweiligen Cutter und Einzelinterviews (bzgl. Eigenbeurteilung und Selbstkritik)
Darüber hinaus schnitt Klemens Brysch - der Kameramann von BLACK CAT - die Montage von Stenz noch einmal mit dem Original-Super-8-Filmmaterial nach, so daß Die Paramounts für ihre Live -Auftritte die gewünschte visuelle Hintergundtapete projizieren können. Ein Video-Beam wäre nicht stilgemäß - es bedarf der spezifischen Atmosphäre einer Filmvorführung: die Geräuschkulisse eines ratternden Projektors, Zigarettenrauch im Spektrallicht und der typische Geruch verbrannter Bildfelder, wenn der Projektor in regelmäßigen Abständen Transportprobleme hat. Diese letzte Version findet keinen Eingang in die vorliegende Untersuchung, da keine inhaltliche Varianz vorliegt, sondern lediglich ein Transfer einer bestehenden Schnittversion in ein anderes Material stattgefunden hat. Außerdem handelt es sich hierbei um eine Stummfilm-Version, ohne jeglichen Ton, die ausschließlich während der Performances der Paramounts Verwendung findet, dort live synchronisiert wird und somit kein „künstlerisches Eigenleben“ besitzt.
3.2.b BEGRÜNDUNG FÜR DIE WAHL DER CUTTER
Die Auswahl der Cutter wurde von mir bewußt getroffen. Da ich die Kommilitonen persönlich kenne und mit beiden bereits Projekte 154 geschnitten habe, glaubte ich mit einiger Sicherheit Erwartungen bezüglich ihrer Arbeit aufstellen zu können. Natürlich bin ich mir bewußt darüber, daß beide Cutter keine Profis sind - aber sowohl Stenz, wie auch
Gericke haben, gemessen an dem Maßstab der Hochschule, überdurchschnittlich viel mit Schnitt und Montage zu tun gehabt und jeder von ihnen versucht beruflich ambitioniert in das Filmgeschäft einzusteigen. Hinzu kommt noch ein ökonomisches Argument: beide waren bereit ohne Gehalt zu arbeiten. Meine Wahl fiel auch deshalb auf die beiden, weil sie sich nicht nur aufgrund ihrer Interessen und Sehgewohnheiten, sondern auch in ihrer Persönlichkeit deutlich voneinander unterscheiden: Stenz ist eher das „stille Wasser“, die „Schnittassel“, welche sich gerne im Keller verkriecht und vor sich hinmuckelt. Gericke etabliert sich mehr im Vordergrund: er ist Filmemacher und legt Wert darauf „sich selbst einzubringen“. Darüber hinaus war er Bassist der Gruppe SOUL CHILL, verfügt also über ein (gewisses) musikalisches Rhythmusgefühl, Stenz hingegen ist hoffnungslos unmusikalisch. Gericke ist meiner Meinung nach ein hervorragender Repräsentant einer Clip-Ästhetik, ihm machen Musikvideos „Spaß“ - Stenz vertritt eher eine „klassische“ Montagetheorie und findet Clips „platt“. Gericke definiert Bildeffekt nicht als Nachteil: „Musikvideos wollen unterhalten“, während Stenz...