Kennen Sie die Mitte? - Ich nicht!
Vielleicht haben Sie wie ich eine Abneigung gegenüber Gesundheitsaposteln und –gurus, die genau zu wissen scheinen, was für mich und den Rest der Menschheit gesund und richtig ist. Täglich werden wir mit Modebegriffen und Anglizismen wie „Work-Life-Balance“ traktiert, als ob die Sache mit dem Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit oder dem „Finden der Mitte“ so einfach wäre und es einen Standard geben würde. Müssen wir nicht vielmehr auch mit unserer Vergangenheit im Ausgleich stehen, Traumata verarbeitet und verpasste Chancen verdaut haben? Muss ich nicht auch mit meinen Mitmenschen im Ausgleich stehen, mit meinen inneren Gefühlen und Wünschen? Mir drängt sich die Frage auf, ob wir in der modernen Welt, in der wir heute mit ihrer zunehmenden Komplexität und Verdichtung von Arbeit und Zeit leben, überhaupt noch Schritt halten können? Eine immer schnellere Taktung von Informationsereignissen und Erreichbarkeit lässt uns immer weniger Zeit für uns selbst. Ist Ausgeglichenheit überhaupt noch ein wünschenswertes Ziel in unserer heutigen Zeit? Stellen Sie sich doch einmal vor, wir wären alle mit uns und unserer Welt im Reinen - vollkommen zufrieden. Wo wir auch hinschauen, würden uns fröhliche Gesichter entgegengrienen. Friede, Freude, Eierkuchen bis zum Abwinken! Wer würde denn dann noch etwas in unserer Welt bewegen wollen, wenn alle zufrieden sind? Kommt nicht gerade aus der Unzufriedenheit und Unausgeglichenheit die Bewegung, Initiative für Neues, für Veränderungen?
Wie bitte? Vor kurzem fand in Hamburg der evangelische Kirchentag statt. Morgens beim Frühstück sagte der Radioreporter, dass er glauben würde, er wäre in der falschen Stadt. Es käme ihm vor, als wenn ein Ufo in der Stadt gelandet wäre. Aus dem Ufo wären lauter fröhliche und lachende Menschen ausgestiegen und er hätte das Gefühl, er hätte sich in die falsche Stadt verirrt. Was für eine Aussage! Es scheint etwas Außergewöhnliches zu sein, vielen glücklichen und fröhlichen Menschen auf einmal zu begegnen. Ich wage jetzt einmal zu behaupten, dass diese Gruppe von Menschen vielleicht trotzdem in der Lage ist, etwas zu verändern. Der Auslöser für Veränderungen muss nicht immer nur die Unzufriedenheit sein.
Mh, ist es nicht viel mehr so, dass die fröhlichen und glücklichen Menschen in ihren Alltag zurückkehren und dort feststellen, dass sie auf dem Kirchentag noch unbeschwert mit Menschen zusammen sein konnten, die wie sie dachten und empfanden. Aber dass heute - hier und jetzt - wieder alles anders ist und lange nicht mehr so unbeschwert. Erwächst nicht aus dieser Diskrepanz der Wunsch, die Welt zu ändern?
Wie bitte? Für die ständige schnellere Taktung in unserem Leben sind wir doch selbst verantwortlich. Wie heißt es heute so schön überall „Arbeitsverdichtung“. Schneller, höher, weiter! Und warum? Es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir alle noch Briefe geschrieben und dann auf die Antwort gewartet. Eine Wartezeit von zwei oder mehr Wochen war doch völlig normal für uns. Das hat uns auch keinen Stress gebracht. Heute schreiben wir Mails und rufen dann nach ein paar Stunden an und beschweren uns darüber, dass wir auf unsere Mail noch keine Antwort bekommen haben. Was löst dieses Verhalten dann wiederum aus? Das brauche ich wohl nicht mehr auszuführen, oder? Hier hilft nur noch der Griff an die eigene Nase. Wir produzieren permanent eigene Unzufriedenheiten, weil wir das selbst so entschieden haben. Wir haben es also auch selbst in der Hand, das zu ändern. Zu einfach? Macht nichts!
Klar, wir sind selbst verantwortlich und sich an die eigene Nase zu fassen, ist sicherlich richtig. Aber wir können uns der vorgegebenen Taktung unseres Arbeitstages trotzdem oft nicht entziehen! Ein Beispiel aus meiner Praxis: Früher sind die Patienten nur zum Arzt gegangen, wenn sie richtig krank waren. Das ist in einigen Ländern noch immer so. Heute rennt der deutsche Durchschnittsbürger 18 Mal im Jahr zum Arzt! Warum ist das so? Gründe gibt es viele, u.a. verlangen die Arbeitgeber ab dem ersten Tag eine Krankmeldung, Medikamente können nur für maximal ein Quartal verordnet werden, Internet und andere Medien erzeugen immer mehr Hypochonder, die Arbeitsverdichtung macht die Menschen wirklich krank u.v.m.! Nun fasse ich mir an die eigene Nase: Ich bin z.B. in 18 Jahren nur einmal zum Arzt und Kollegen gegangen! Ändert sich für mich dadurch mein Alltag, obwohl ich mit gutem Beispiel vorangehe? Nein, leider nicht, ich muss trotzdem die Massen an Patienten jeden Tag bewältigen!?
Die Krise als Chance – „provoziere mich nicht oder besser doch!“
Ich sehe gerade in der Krise die Chance für positive Entwicklungsschritte, wenn wir ihr mit genügend Gleichmut und Geduld, Toleranz und Weitsicht begegnen. Jede Auseinandersetzung, jeder Konflikt bietet den Ausblick auf eine positive Weiterentwicklung, wenn wir guten Willens und bereit sind, nach kreativen Lösungen zu suchen. Dabei sollten wir unsere eigenen Gefühle, Ängste und Kränkungen überwinden, um für einen Mediationsprozess bereit zu sein. Es geht nicht darum, sein „Recht“ durchzusetzen, sondern einen gemeinsamen Weg zu beschreiben und zu beschreiten. Eine gewisse Einstellung und Kultur der Konfliktbewältigung ist erforderlich, bei dem auch Profis wie Mediatoren und Psychologen ihr Geld wert sein können. Also kann uns eine gewisse Disharmonie in einen positiven Entwicklungsschritt einmünden lassen, da ist eine anfängliche Unzufriedenheit durchaus hilfreich. Werner Kieser, der „Erfinder“ des Kiesertrainings, sagte sinngemäß: „Der Muskel entwickelt sich entlang des Widerstandes, die Psyche auch!“ Ich stimme ihm zu.
Wie bitte? Was für gewichtige Worte. Gleichmut und Geduld, Toleranz und Weitsicht. Wie finde ich kreative Lösungen und kann dem gerecht werden. Was soll ich denn nun sein: zufrieden oder unzufrieden? Ich muss unzufrieden sein, um den Veränderungsprozess anzustoßen. Außerdem muss ich zufrieden sein um nicht „krank“ zu werden. Das ist mal eine echte Herausforderung.
Vielleicht ist die Antwort: weder – noch? Ich möchte Ihnen die Antwort hier schuldig bleiben und gebe sie erst im übernächsten Kapitel.
Der „Steinzeitmensch“ im Computerzeitalter
Von unseren erblichen Anlagen sind wir noch Steinzeitmenschen, nicht dass dieser kein Stress gehabt hätte und nicht hier und da unzufrieden gewesen wäre, aber der Alltag sah doch ganz anders aus, wie wir bei Naturvölkern auch heute noch beobachten können. Die Gegenwart wird bei ihnen noch durch die alltäglichen Bedürfnisse gelenkt. Hunger zu haben bedeutet, jagen zu gehen oder Beeren zu sammeln. Hatte ich Jagdglück und ist der Hunger gestillt, kann ich mich sekundären Bedürfnissen zuwenden – Sie wissen schon, was ich meine! Mit anderen Worten, das Leben wurde beim Steinzeitmenschen und Naturvölkern z.T. auch heute noch durch den Takt der Bedürfnisse und deren Befriedigung vorgegeben und nicht wie in unserer „modernen“ Welt durch sich jagende Informationen und Nachrichten - sei es über SMS, WhatsApp, Telefonat, eMail oder anderen Medien – die auf schnelle Reaktionen und Beantwortung von uns warten. Unser Leben wurde immer schneller getaktet, zur Wahrnehmung der Gegenwart, des Innehaltens bleibt immer weniger Zeit. Zeitgenössische Philosophen nennen dieses Phänomen „Gegenwartsschrumpfung“ und sehen darin einen Grund der zunehmenden Unzufriedenheit und des Burn-out-Syndroms - trotz gewachsenen Wohlstands. In einer philosophischen Zeitschrift wurde von einem Autor das treffende Bild einer Rolltreppe gezeichnet, die wir permanent entgegen der Laufrichtung nach oben hetzen und die uns wieder nach unten zieht, in dem Moment, in dem wir innehalten. Gerade habe ich mein eMail-Account bearbeitet, eine halbe Stunde später sind die nächsten eMails aufgelaufen – ich schaffe es nicht, Oberhand zu bekommen. Sisyphos steht Pate und „ewig grüßt das Murmeltier“!?
Wie bitte? Lieber Doc sagen Sie mir, wollen Sie mich zurück in die Steinzeit versetzen, damit ich glücklich und zufrieden leben kann? Ich weiß noch nicht, auf was Sie eigentlich hinauswollen? Ich glaube kaum, dass es Ihnen und mir gelingen wird, die Welt zu verändern oder die Zeit zurückzudrehen.
Alles Yin oder Yang oder was?
Nein, keiner muss aussteigen oder zurück in die Steinzeit, beides kann doch sehr unbequem sein;-) Ich möchte nur eine einfachere Betrachtungsweise, vielleicht ist das chinesische YIN-YANG-Prinzip nützlich. Da wären dann Unzufriedenheit und Zufriedenheit, Unausgeglichenheit und Ausgeglichenheit nur die sich ergänzenden Pole. Vielleicht ist die Lösung mit der „Balance und Mitte“ doch einfacher, als wir denken? Vielleicht muss ich mich nur darum kümmern, dass meine...