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2. | Die vier »emotionalen Kernpositionen« in der Transaktionsanalyse | |
Je nachdem, was das Kind erlebt, bildet sich mit den Ich-Zuständen und einer ersten Lebensphilosophie auch ein Lebensgefühl, das den kleinen Menschen bestimmt – und manchmal auch den später Erwachsenen. Die Transaktionsanalyse spricht von vier »emotionalen Kernpositionen«, mit denen das individuelle Erleben, die Überzeugung, die jemand von sich und von anderen hat, beschrieben wird. Das Schlüsselwort dabei ist das etwas salopp klingende »O.K.«. Es wird in diesem Zusammenhang gerne übersetzt mit Begriffen wie »wertvoll« und »wichtig«.
Das »O.K.« beschreibt keinen moralischen Wert im Sinne von »gut« oder gar »sündlos«. Es meint: Es ist gut, dass ich da bin, und es ist gut, dass du da bist. Ich bin ein wertvoller und ein wichtiger Mensch. Und du bist es auch. Selbst wenn ich oder du möglicherweise Dinge tun, die nicht o.k. sind, bin ich und bist du doch als der Mensch, der ich bin und der du bist, wertvoll und wichtig. Denn du bist immer mehr als das, was du tust. Diese Sicht vermittelt uns Jesus auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11–32), auf das ich später noch näher eingehen werde.
Stellen wir uns vor, der kleine Mensch, der in die Welt kommt, wird von Herzen willkommen geheißen, gestreichelt und versorgt, liebevoll aufgenommen als das Mädchen, als der Junge, der sie, der er ist. Das Neugeborene spürt: Ich bin hier offenbar gewollt, man hat mich erwartet, ich kann mich hier anvertrauen. Die Welt ist gut zu mir und ich bin geborgen in der mütterlichen und väterlichen Zuwendung. Wir gehören zusammen, wir haben uns lieb.
Dann entwickelt der kleine Mensch in der Regel etwas sehr Bedeutendes, nämlich das, was Erik H. Erikson in seinem Buch »Identität und Lebenszyklus« Urvertrauen nennt und das vor Misstrauen schützt. Urvertrauen meint jenes Grundgefühl, gewollt und wertvoll zu sein, liebenswert und liebesfähig. Es meint das Glück, sich verlassen zu können, geborgen zu sein, beschützt und aufgehoben. Urvertrauen ist das Lebensfundament, auf das ein Mensch getrost und erfolgreich aufbauen kann, das tiefe Gefühl und Bewusstsein: Dies ist meine Welt, hier sind Menschen, die mich lieben. Hier ist Platz für mich. Dies ist ein lebensfreundlicher Lebensraum. Hier fühle ich mich sicher und beheimatet. Wenn das einem Kind in die Wiege gelegt wird, kann man sich nur mitfreuen.
Nicht alle Vertreter der Transaktionsanalyse sind der Meinung, stimmen hier mit Erikson überein. Harris geht davon aus, der kleine Mensch erlebe in den ersten Monaten zu viel Schwieriges, um eine solch sonnige Lebensanschauung zu entwickeln. Das Baby hat Hunger, es fühlt sich schlecht, es spürt: Irgendetwas stimmt mit mir offenbar nicht, ich bin gerade nicht o.k. Dann kommt die Mutter. Nun wird alles wieder gut. Mutter ist wunderbar o.k., ich wohl nicht immer.
Wenn die Windel nass ist und der Popo brennt, fühlt das Kind sich durchaus nicht o.k. – bis die Mutter das Kind erlöst und alles wieder in Ordnung bringt. So kann der kleine Mensch leicht empfinden: Ich bin offenbar nicht immer o.k., vielleicht bin ich es nur, wenn Mama bei mir ist. Die jedenfalls ist wunderbar o.k. Weshalb Harris davon ausgeht, schon die erste Position des Kleinkindes sei die, die ansonsten in der Transaktionsanalyse als die zweite beschrieben wird.
Jedenfalls »entscheidet« sich der kleine Mensch voraussichtlich für eine solche Einstellung, wenn er spürt: Ich bin hier nicht gewollt. Alle anderen dürfen offenbar da sein, ich aber störe. Wenn eine Mutter ihrem Kind nicht die lebenswichtige Nähe und Wärme schenken kann, weil sie die selbst nie erfahren hat, wenn Eltern das Geschlecht des Kindes ablehnen – »Wir wollten einen Jungen. Wir wollten ein Mädchen« –, wenn das Kind zu wenig Hautkontakt und Zärtlichkeit erlebt, wenn es vernachlässigt wird, kann es zu dieser Position kommen: Ich bin nicht o.k., ich bin nicht wertvoll, sonst gingen die anders mit mir um.
Die anderen sind offenbar o.k., ich bin wohl eher ein Unglück oder Familienunfall. Wenn die Mutter später sagen wird: »Wir haben nur geheiratet, weil du unterwegs warst«, wird das Kind folgern: »Ich bin an Mamas Unglück schuld, mich hätte es nicht geben sollen.« Oder wenn Papa sagt: »Wärst du nicht geboren, hätten wir noch ein paar Weltreisen gemacht«, muss das für das Kind heißen: »Ich habe den Eltern viel kaputt gemacht.« Kinder spüren das sehr genau und machen sich ihren »Reim« auf ihr kleines Leben. »Die größte Verletzung, die man einem Kind zufügen kann, ist die Zurückweisung seines wahren Selbst«, sagt John Bradshaw (1990, S. 39).
Die Position Ich bin nicht o.k. – du bist o.k. kann in unterschiedlichen Varianten erlebt und gelebt werden. Die eine heißt:
Das Kind sagt sich: »Ich habe keine Rechte und für mich gibt es keine Hoffnung. Ich bin offenbar ein Wenn ich schon nicht o.k.
bin, dann muss ich mich
eben damit abfinden. unmöglicher Typ, ich bin nichts wert.« Minderwertigkeitsgefühle und Lebensunsicherheit werden vorprogrammiert. Wer sich nicht gewollt, geliebt, wichtig und wertvoll erlebt, leidet an sich und am Leben, fühlt sich schuldig und überflüssig. Er gehört eigentlich nicht dazu. Er muss dankbar sein, wenn man ihm überhaupt das Dasein zugesteht.
Er nimmt sich zurück, um nicht im Wege zu sein. Sein Los ist Verzicht und Leiden. Eine so erfahrene und dann selbst entschiedene Lebenseinstellung kränkt, und manche Menschen erkranken daran an Leib und Seele. Sie werden depressiv und oft auch körperlich anfällig. Denn ohne Liebe kann kein Mensch gesund gedeihen. Lieben und geliebt werden ist wichtiger als Muttermilch und trockene Windeln.
Oft verharren die Menschen ihr Leben lang in einer solchen Position. Sie bleiben die unglücklichen Kinder auch noch als Erwachsene. Mancher hilft sich, indem er diese negative Grundhaltung idealisiert: »Schaut her, wie anspruchslos und friedfertig ich bin. Ich bin mit allem zufrieden und für alle da. Ich bin bescheiden und demütig.« Wer sie genauer kennenlernt, spürt: Das ist nicht echt und stimmig. Es ist ein Trick, den der Spieler selbst nicht einmal bemerken muss. Aber ihre Lebensauffassung ist zugleich ihre subjektive Chance der Lebensbewältigung. Das muss man als Außenstehender respektieren, auch wenn wir es nicht akzeptieren mögen. Diese Menschen werden an ihrem Konzept festhalten, es sei denn, sie schaffen die Wandlung ihrer Lebensphilosophie zum Besseren.
Andere, aber wohl eher wenige, entscheiden sich so:
Wir haben ein Altenheim in der Nachbarschaft. Es gab Klagen von Bewohnerinnen, ein Kind habe ihnen ohne jeden Grund vors Schienbein getreten. »Böse oder freche Kinder«, sagen wir dann. »Wenn ich schon nicht
o.k. bin, dann zeig ich es
euch auch, dann sollt ihr
es zu spüren bekommen.« Natürlich ist das nicht in Ordnung, und wir waren damals als Eltern froh, dass es nicht unsere Kinder waren. Vielleicht müssten wir aber auch fragen: Wer und was hat die Kinder so böse gemacht, wie kommt ein Kind auf die Idee, alten Menschen vors Schienbein zu treten? Oder haben die alten Damen etwa »angefangen« und das Kind provoziert? Hatten die selbst vielleicht eine dickes Nicht-O.K. in ihrem Kopf und Gefühl?
Es gibt auch Erwachsene, die dieses Konzept leben, immer noch. Sie streiten mit Nachbarn und Behörden und haben häufig irgendeinen Prozess laufen. Sie verärgern ihre Mitmenschen und ernten Ärger. Sie schleudern ihr Nicht-O.K. den anderen ins Gesicht nach dem Motto: »Das habt ihr nun davon, dass ich nicht o.k. bin!« Hier begegnen uns aggressive Kinder in Erwachsenenausgabe. Sie zeigen damit zugleich, dass sie sich selbst nicht mögen. Menschen, die sich dauernd mit anderen streiten, andauernd Konflikte haben oder suchen, sind sich selbst nicht gut. »Es ist ihm selbst nicht wohl, sonst tät er dir nicht weh.« So hat es der Dichter Friedrich Rückert in seinem Buch »Die Weisheit des Brahmanen« beobachtet. Sie lieben das Kind in sich nicht. Sie haben das vermutlich nie gelernt. Denn ich kann mich nur selbst lieben, wenn ich Liebe erfahren habe. Geliebte Kinder können am ehesten liebe Kinder werden. Menschen, die sich selbst lieb haben, können auch andere lieben.
Am häufigsten wird die Variante gelebt:
Zum Beispiel: »Wenn ich lächele, schaut mich Papa lieb an. Wenn ich mein Häufchen ins Töpfchen mache, lobt Mama mich. Wenn ich Ich bin o.k.,
wenn … meinen Teller leer esse, gibt’s ein Gummibärchen. Wenn ich wütend bin, gibt’s Ärger, traurig sein scheint schon eher erlaubt zu sein. Also gebe ich mich traurig, wenn ich wütend bin. Das ist akzeptabler, dann bin ich am ehesten o.k.«
Später heißt es vielleicht: »Wenn ich gute Zensuren nach Hause bringe, werde ich gelobt. Wenn ich meinem Chef nicht widerspreche, mache ich mich bei ihm beliebt und werde befördert. Wenn ich mich für andere einsetze, danken sie mir. Wenn ich gute Arbeit leiste, bekomme ich Anerkennung, zumindest keinen Ärger. Wenn ich mich für andere verschleiße, werden sie mich bewundern, wenn ich mich bescheiden gebe, wird man mich demütig nennen.«
Es ist zwar wahr, dass menschliches Lebensglück nicht darin besteht, mich nur um mich selbst zu drehen. Sich für andere einsetzen, für andere da zu sein, kann das eigene Leben bereichern, wie wir gesehen haben. Nur verbirgt sich hinter dieser beschriebenen Position oft...