Vorwort
Das vorliegende Buch ist für unsere Fachwelt und für alle Menschen, die als hochsensibel beschrieben werden können, längst überfällig. Es stellt aus meiner Sicht eine sehr bedeutsame und ermutigende Hilfe dar, nicht nur für die Menschen, um deren Erlebnisprozesse und Identitätserfahrungen es hier speziell geht, sondern auch für viele andere, die im Kontakt mit unserem »Gesundheitssystem« – für das meiner Meinung nach oft besser der Begriff »Krankheitssystem« passen würde – schwächende und tief verunsichernde Erfahrungen machen mussten.
Das Buch beschäftigt sich sehr fundiert, differenziert und auf Basis herausragenden Fachwissens mit dem als Hochsensibilität definierten Thema, das von vielen immer noch als nicht existent oder völlig übertrieben und überbewertet betrachtet wird. Leider muss dies nicht nur für uninformierte Laien, sondern auch für eine erhebliche Zahl von Professionellen aus den »helfenden Berufen« gesagt werden, zum Beispiel für Psychotherapeuten und Psychiater. Ich weiß aus Rückmeldungen von leider recht vielen Betroffenen, welch abwertenden, sie pathologisierenden Erfahrungen viele von ihnen ausgesetzt waren, bevor sie nach einer leidvollen Odyssee ambulant zu mir in die Therapie oder bei uns in der sysTelios Klinik Siedelsbrunn zu einer stationären Kooperation kamen – und danach wieder mit Würde und Stolz auf ihre wertvolle Hochsensibilitätskompetenz zurück in ihr Alltagsleben gehen konnten. Typisch für diesen zuvor durchgemachten Leidensweg war und ist bei fast allen, dass ihre jeweils einzigartige Art des Erlebens und des »in der Welt Seins« sowohl durch viele Rückmeldungen aus ihrem direkten Lebensumfeld (zum Beispiel Familie, Kindergarten, Schule, Beruf), aber auch durch Angehörige der »helfenden Berufe«, oft als abnormal, als Ausdruck von Störung, Unfähigkeit und Krankheit bewertet und behandelt wurde. Dies führt zu tiefer Verunsicherung und häufig auch massiven Selbstabwertungsprozessen bei Betroffenen, die wieder in viele weitere Belastungen und Symptome münden. Wenn man immer wieder Feedbacks erlebt, die das eigene Erleben und Verhalten infrage stellen und beispielsweise als »komisch«, »zu kompliziert«, »merkwürdig« oder gar »gestört, krank« bewerten, ist die Gefahr groß, dass Betroffene diese Sichtweisen verinnerlichen und sich selbst auch so sehen und behandeln. Angetrieben von menschlichen Grundbedürfnissen wie Zugehörigkeit und Bindungssicherheit befürchten Betroffene oft (wie wir von vielen Klienten hören konnten), dass sie wahrscheinlich ausgegrenzt würden, stünden sie zu ihrem Sein mit Anerkennung für sich selbst. Dieses existenzielle Dilemma macht verständlich, dass viele zu Selbstabwertung neigen, deren Preis fatal hoch sein und zum Beispiel zu massiver Schwächung, Depressionen und auch massivem körperlichem Stress führen kann.
Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an hilfreichen Perspektiven und Handlungsideen. Es zeigt, wie die eigene Einzigartigkeit mit Würde, viel Anerkennung für sich selbst und wertvoller Sinn-Orientierung so kraftvoll und kreativ gelebt werden kann, dass auch die berechtigten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Bindungssicherheit und Wertschätzung von außen viel eher erfüllbar werden.
Es wird umfassend dargelegt, dass und wie die als Hochsensibilität bezeichneten Erlebnisprozesse als wertvolle Kompetenzen verstanden und genutzt werden können, nicht nur individuell für die so bezeichneten Personen selbst, sondern auch für ihre Beziehungssysteme und für unsere Gesellschaft. Ich unterstütze diese Sicht- und Vorgehensweisen nachdrücklich. Sie machen klar (und dabei sehr nachdenklich), wie sehr die Erlebnisqualitäten, die zur Benennung »Hochsensibilität« führen, weit über das Individuelle hinaus für unsere globale zukünftige Entwicklung nicht nur wichtig, sondern unerlässlich sind. Denn obwohl hinsichtlich Umweltverschmutzung, Klimawandel, sozialer Ungerechtigkeit, Nord-Süd-Gefälle usw. längst alles relevante Wissen verfügbar ist, verhält sich die Mehrheit der Menschheit – insbesondere diejenigen, welche über gesellschaftliche Macht verfügen – oft quasi anästhetisiert, in jedem Fall empfindungsreduziert und so linear denkend eingeengt, dass dies katastrophale destruktive Wirkungen erzeugt. Wir brauchen als Bewohner dieses Planeten alle deutlich mehr Sensibilität, Gespür für Wechselwirkungen und die Fähigkeit, uns eben nicht abzuschotten von der Erkenntnis, welche Auswirkungen unsere Beiträge auch auf andere haben. Genau diese wertvollen und so notwendigen Fähigkeiten zeigen ja diese Menschen, denen sich das Buch widmet. Auch in dieser Hinsicht finde ich es gut und dankenswert, dass die Autoren und Autorinnen die behandelten Phänomene auch in diesen größeren Zusammenhang stellen.
Dazu passt hoffentlich ein Eindruck, den ich häufig in unserer Arbeit erlebe: In vielen Therapien, Coachings und Beratungen tun sich für viele Menschen plötzlich Türen von Empfindsamkeit, Gespür und Empathie für andere, die Welt und sich auf, die sie nie zuvor in ihrem bewussten Erleben gekannt haben. Dies gilt sehr wohl auch für Menschen, die sich selbst als fast gefühllos, nur auf Funktionalität und beruflichen Erfolg ausgerichtet beschrieben haben. Voraussetzung dafür aber war immer, dass vorher ein Kontext in der Begegnung geschaffen wurde, in dem sie sich nicht pathologisiert, sondern völlig sicher, angenommen und rundweg stimmig geachtet fühlten. Dann entwickelte sich plötzlich der Zugang zu anderen Welten in der Art, die im vorliegenden Buch als der »Riss in der Realität« beschrieben wird (was für mich heißt: »der Riss in der bisher als gültig definierten Realität«). Solche Erfahrungen werfen für mich die Frage auf, ob nicht alle Menschen in ihrem innersten Sein als »hochsensibel« in einer sehr wertvollen, Sinn-bezogenen Art geboren werden, diese Tür sich aber je nach Kontext und Beziehungserfahrungen bei vielen Menschen wieder schließt, als Schutzkompetenz. Ich habe darauf keine abschließende Antwort und finde auch dies stimmig. In jedem Fall aber weist die Frage für mich darauf hin, dass hochsensible Menschen eine sehr wichtige und wertvolle »Leuchtturm-Kompetenz« für uns alle haben und wir sehr von ihnen lernen können. Auch mit Blick darauf bietet die Arbeit des vorliegenden Buches nicht nur sehr wertvolle Perspektiven und Hilfen für Menschen, die als hochsensibel beschrieben werden. Sie könnte eine befreiende und ermutigende Perspektive ebenso für viele andere Menschen bewirken, auch in der Hinsicht, dass sie sich ihre eigene, bisher noch nicht entdeckte und anerkannte Hochsensibilität zugestehen und erspüren. Dafür wäre es sicher hilfreich, wenn Hochsensibilität nun nicht, quasi als Umkehrung der Pendelrichtung nach der Pathologisierungstendenz, als herausragende Qualität einer besonderen Elite hochstilisiert wird. Gerade dies könnte wieder eher zur Ausgrenzung beitragen und eben den Blick auf die wichtigen Gemeinsamkeiten der gemeinten Kompetenzen für alle behindern. Vielleicht wäre es dafür auch hilfreich, statt »Hochsensibilität« andere Benennungen zu wählen, zum Beispiel »erweiterte Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfähigkeit« oder »erhöhte Kompetenz, Komplexität zu erfassen« …
Mir gefällt in den Beiträgen der Autoren und Autorinnen sehr, wie sie einfühlend und achtungsvoll vermitteln, dass es Betroffenen keineswegs ausreichend hilft, sie als hochsensibel zu beschreiben. Aus meiner konstruktivistischen hypnosystemischen Sicht, die die Basis aller meiner hier dargelegten Überlegungen ist, lässt sich das leicht erklären. Aus dieser Perspektive (die sich dabei auch auf die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung bezieht) wird jede menschliche Realitätserlebnisweise autonom von innen heraus (autopoietisch) selbst konstruiert. Dies bedeutet auch, dass kein Phänomen (kein Erlebnisprozess innen und auch kein äußeres Phänomen) an sich wirkt. Vielmehr ergibt zum Beispiel erst die Frage, welche Bedeutung, Bewertung man Phänomenen gibt und welche vielen anderen Elemente des Erlebens damit vernetzt werden (zum Beispiel Selbstbild, Selbst-Beziehung, Körper-Reaktionen, Gefühle usw.), die konkrete Wirkung jedes Phänomens für Erlebende.
Aus dieser Sicht »ist« dann auch niemand an sich »hochsensibel« im Sinne einer feststehenden »Eigenschaft«, aus der heraus die Wirkung sich quasi von selbst ergibt, generalisiert und aus jedem Kontext gerissen. Entscheidend wird, mit welcher »wirksamen Wirklichkeitskonstruktion« sich jemand identifiziert. Grundlegende Fragestellung und Aufgabe ist dann, wie die jeweiligen Erlebnisphänomene beschrieben, benannt, erklärt,...