KATZEN VERSTEHEN
Katzen gelten als Eigenbrötler, dabei genießen sie das Leben mit uns durchaus. Sie brauchen keinen Anführer, aber sie wünschen sich einen Menschen, der Sie versteht und ihre Natur respektiert. Dazu müssen wir wissen, wie sie »ticken« und was sie uns sagen wollen. Schließlich haben unsere Stubentiger durchaus ihre Eigenarten. Und die sollte man kennen, um gut miteinander auszukommen.
MIEZES STAMMBAUM
Das Erbe unserer Hauskatze
DIE MEISTEN WISSENSCHAFTLER gehen heute davon aus, dass unsere Hauskatze von der Falbkatze oder Afrikanischen Wildkatze (Felis silvestris libyca) abstammt, die wie die europäische Waldwildkatze (Felis silvestris silvestris) zur Art der Wildkatze (Felis silvestris) gehört. Wildkatzen sind in verschiedenen Unterarten auf der ganzen Welt heimisch und gelten daher als die am weitesten verbreitete Katzenart.
Die kleine, grau getigerte Falbkatze ist wie alle wild lebenden Katzen – mit Ausnahme des Löwen – ein Einzelgänger, das heißt, sie lebt nicht mit Artgenossen in einem festen Sozialverband. Auch auf die Jagd geht sie allein. Schon aufgrund der geringen Größe ihrer Beutetiere – Mäuse, Vögel, kleine Reptilien und Insekten – gäbe es ja auch gar nicht viel, was man teilen könnte. Und die typische Jagdtechnik, zum Beispiel vor einem Mauseloch lauern und abwarten, bis ein unvorsichtiges Mäuschen den Kopf herausstreckt, ist ebenfalls erfolgversprechender, wenn man allein loszieht. Ein Artgenosse würde da eher stören und am Ende vielleicht sogar noch versuchen, einem die Beute streitig zu machen. Wild lebende Katzen sind daher von Natur aus eher unkooperative Wesen.
Für vermeintliche Eigenbrötler haben es Katzen hierzulande weit gebracht: Sie sind die beliebtesten Haustiere, weit vor Hunden, Kleinsäugern wie Kaninchen oder Meerschweinchen und Vögeln. Rund 11,5 Millionen Samtpfoten leben in bundesdeutschen Haushalten. Denn obwohl Hauskatzen von der solitär lebenden Falbkatze abstammen und nicht auf das Zusammenleben mit Artgenossen angewiesen sind, heißt das noch lange nicht, dass sie unsozial wären. Sie haben sich im Laufe der Jahrtausende nicht nur mit uns Menschen arrangiert. Wenn es genug Platz und Futter gibt, man also nicht um lebenswichtige Ressourcen streiten muss, klappt es auch mit dem netten Nachbarskater oder einer zweiten Katze (ab >). Genauso kann sich Mieze mit anderen Haustieren arrangieren. Voraussetzung dafür ist aber immer, dass wir als Halter ihre natürlichen Bedürfnisse kennen und ihre katzentypischen Ansprüche erfüllen.
WER BIST DU?
Wer liegt da auf unserem Schoß?
WEIL KATZEN EINZELGÄNGER sind, kommt eine Rangfolge, wie wir sie zum Beispiel vom Wolf und Hund kennen, in ihrem Sozialsystem nicht vor. Aus diesem Grund müssen wir als Katzenhalter weder mit unserem Tier »konkurrieren«, noch den »Boss« oder »Chef« mimen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Katzenhalter eher eine Art Elternrolle übernehmen. Denn im Lauf der Domestikation trat bei unseren Stubentigern eine sogenannte Reifehemmung ein, die dazu führte, dass die Tiere zeitlebens in einer Art Kindstatus verbleiben. Das bedeutet, dass die Hauskatze auch im Erwachsenenalter kindliche Verhaltensweisen zeigt: Sie ist schmusig, anlehnungsbedürftig oder zeigt, wenn sie völlig entspannt auf unserem Schoß liegt, den Milchtritt, der als Kätzchen den Milchfluss in Mutters Gesäuge stimulierte …
In einer guten Mensch-Katze-Beziehung sollten die Rollen daher so verteilt sein wie zwischen Eltern und ihrem Kind: Die Katze wird von uns gefüttert, beschützt, gepflegt und versorgt. Wir bürsten und erziehen sie, säubern ihre Toilette und schmusen mit ihr. Doch trotz dieser engen Beziehung dürfen wir nie vergessen, dass Katzen eigenständige Wesen sind. Wir müssen ihre natürlichen Bedürfnisse und Eigenarten respektieren. Sie sind zwar in gewisser Weise wie kleine Kinder auf uns angewiesen. Es fließt aber immer noch das Blut eines wilden, unabhängigen Räubers in ihnen.
Zu den Dingen, die für Katzen typisch sind, gehören zum Beispiel die Jagd nach lebender Beute, das Bedürfnis, Hinterlassenschaften zu vergraben, sich mithilfe von Urin bestimmte Botschaften zu vermitteln (>) oder eben mit Artgenossen zu konkurrieren. Umso wichtiger ist es für uns Menschen im Zusammenleben, die Welt auch mit Miezes Augen zu sehen. Im Vordergund steht dabei immer die Kommunikation, die bei Katzen in erster Linie über die Körpersprache läuft (>). Nur wer die Signale kennt, kann die Stimmungslage richtig beurteilen und Situationen besser einordnen – das gilt für die eigenen Samtpfoten genauso wie für fremde. Dann fühlen sich Katze und Mensch gleichermaßen wohl.
KÖRPERSPRACHE
Mit allen Sinnen dabei
ES LIEGT IN DER NATUR DER KATZE, von vornherein lieber einen großen Bogen um Artgenossen zu machen, statt auf Kuschelkurs zu gehen. Und lässt sich ein Aufeinandertreffen nicht vermeiden, ziehen Sie sich zurück oder versuchen, den anderen auf Distanz zu halten. Dazu benutzen sie vor allem ihren Körper als Kommunikationsmittel.
In der kätzischen Körpersprache lassen sich verschiedene Grundtendenzen unterscheiden: Neben der normal entspannten Haltung gibt es abwehrende Signale und solche, die darauf hindeuten, dass die Katze erregt oder ängstlich ist. Wieder andere vermitteln deutlich, dass sie zum Angriff bereit ist. In allen Fällen tun Katzen ihre Stimmung mithilfe von Ohren und Schwanz, Schnurrhaaren und Fell sowie Blicken und Gesten kund. Vor allem an der Stellung der Ohren und des Schwanzes sowie der Körperhaltung können Artgenossen schon von Weitem erkennen, wie der Hase läuft. Mit uns Menschen kommunizieren Katzen ebenfalls hauptsächlich über Körpersprache. Wenn Sie diese zu deuten vermögen, können Sie sich besser auf Ihre Katze einstellen und leichter verstehen, was in ihr vorgeht.
Besonders gut gelingt dies, wenn Sie einmal auf Ihre eigene Körpersprache achten. Denn wir Menschen drücken die drei Grundstimmungen – gelassen, ängstlich, angriffsbereit – ganz ähnlich aus wie unsere Stubentiger. Fühlen Sie sich wie ein Schauspieler in die entsprechenden Emotionen hinein, und beobachten Sie, wie sich dadurch Ihre Körperhaltung verändert: Wenn wir uns sicher fühlen, sind unsere Muskeln locker und entspannt. Der ganze Körper strahlt eine innere Ruhe aus. Sind wir dagegen ängstlich und unsicher, ziehen wir den Kopf ein, die Schultern werden rund, und wir sacken regelrecht in uns zusammen. Sind wir auf eine Auseinandersetzung aus, machen wir uns wie Katzen größer, richten uns auf, ziehen die Stirn-/Augenbrauenmuskeln zusammen und blicken mit zusammengekniffenen Augen finster drein.
Sie profitieren übrigens nicht nur selbst von der Fähigkeit, die Körpersprache zu deuten. Sie schenken gleichzeitig auch Ihrer Katze ein Gefühl der Sicherheit, weil es zu weniger Missverständnissen kommt.
DIE ENTSPANNTE KATZE
Alles im grünen Bereich
WENN SICH IHRE KATZE wohlfühlt, tut sie das mit Haut und Haar. Und das kann man auch sehen: Von der Nase bis zur Schwanzspitze signalisiert ihr ganzer Körper Entspannung total. Alle Muskeln werden »butterweich«. Ihre Ohren bewegen sich kaum, genauso sind der Schwanz und die Schnurrhaare nahezu regungslos. Der Blick ist ruhig und sanft, eventuell schließt das Tier sogar die Augen.
Viele Katzen schnurren, wenn sie sich wohlfühlen, manche zeigen, wenn man sie streichelt, den Milchtritt (>). Manche Katzen fangen vor lauter Wohlgefühl sogar an zu speicheln.
Solche Momente sind zum Beispiel ideal, um Mieze etwas näher zu bringen, was sie üblicherweise nicht so gern mag, wie die Bürste oder den Duft des Katzenkollegen (>).
KATZE IN ERWARTUNGSHALTUNG
Und was kommt jetzt?
REIBT SICH IHRE KATZE viel an Ihnen und ist sie sehr bewegungsfreudig, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass sie Sie zu mehr körperlicher Nähe auffordert. Vielmehr ist das »Gezappel« ein Zeichen erhöhter Erregungslage. Ein typisches Beispiel für ein Missverständnis in der Katze-Mensch-Kommunikation also: Während wir uns aufgefordert fühlen, die Katze zu streicheln, kann diese durchaus mit Abwehr reagieren. Denn jeder kleine Reiz kann bei einer stark erregten Katze zu einem plötzlichen Stimmungswechsel führen. Hier ist also Achtsamkeit gefragt. Um herauszufinden, was Ihr Tier von der hohen Erregungslage »runterbringt« und beruhigt, sollten Sie den Kontext beachten, in dem das Verhalten auftritt. Ist Ihre Katze zum Beispiel sehr aufgeregt, weil sie Hunger hat, befriedigen Sie ihr Bedürfnis und geben ihr sofort etwas zu fressen. Braucht Mieze nach einem langen Tag allein zu Hause Beschäftigung, spielen Sie gleich eine Runde mit ihr, damit sie ihre Energie abreagieren kann.
DIE ÄNGSTLICHE KATZE
Bitte Abstand halten
WENN KATZEN ANGST haben, zeigen sie das eigentlich...