Kapitel 1
Wir brauchen verrückte Christen
Jesus ging in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass sie nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen das hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: »Er ist von Sinnen.«
Markus 3,20 und 21
Er ist von Sinnen.« So formuliert es die Einheitsübersetzung. Andere Übersetzungen der Bibel werden deutlicher. Etwa die Hoffnung für alle, in der es heißt: »Er hat den Verstand verloren!«
In meiner Lieblingsversion, der Übertragung der American Bible Society, steht: »Als seine Familienmitglieder hörten, was er tat, hielten sie ihn für verrückt und wollten ihn wieder unter Kontrolle bringen.«
Allerdings scheint es schwierig zu sein, Jesus »unter Kontrolle« zu bekommen. Das musste nicht nur seine Familie erfahren. Fjodor Dostojewski kritisiert in seinem Roman Die Brüder Karamasow, dass die Kirche und die Christen dies auch schon allzu oft versucht hätten. Wir wollen den Messias managen. Aber das funktioniert nicht. Ein Theologe hat es einmal so beschrieben: »Jesus bricht aus allen Gräbern aus, in die wir ihn eingesperrt haben.«[1]
Verzeihen Sie mir, wenn ich es so deutlich sage, aber Jesus war und ist tatsächlich verrückt. Und alle, die ihm nachfolgen wollen, die seine Jünger sein wollen, die mit ihm gehen und leben wollen, muss man wohl ebenfalls so bezeichnen – verrückt. Wenn Sie mich fragen, was die Kirche heute benötigt, dann sage ich: Wir brauchen verrückte Christen.
Ich will die Mutter Jesu und seine Familie für ihre Einschätzung, dass man es offensichtlich mit jemandem zu tun hat, der nicht normal ist, nicht vorschnell verurteilen. Sie hatten guten Grund zu dieser Annahme. Jesus hat tatsächlich völlig verrückte Dinge gesagt: »Vergeltet Böses nicht mit Bösem oder Schmähung mit Schmähung! Im Gegenteil: Segnet, denn dazu seid ihr berufen worden, dass ihr Segen erbt.« (1. Petrusbrief 3,9) Das ist verrückt! Ein anderes Mal sagte er: »Der Größte von euch soll euer Diener sein.« (Matthäus 23,11) Das ist verrückt!
Bei anderer Gelegenheit sagte Jesus: »Liebt eure Feinde und betet für diejenigen, die euch hassen.« (Matthäus 5,44)
Jesus war verrückt. Er betete sogar noch, als die Leute ihn umbrachten: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« (Lukas 23,34) Also wenn das nicht verrückt ist …
Was die Welt ein Elend nennt, das nennt Jesus gesegnet. Gesegnet sind die Armen und die geistlich Armen. Gesegnet sind die Barmherzigen, die Mitfühlenden. Gesegnet sind die, die hungern und dürsten nach Gottes Gerechtigkeit. Gesegnet sind, die für den Frieden arbeiten. Gesegnet seid ihr, wenn ihr verfolgt werdet, nur weil ihr versucht, zu lieben und Gutes zu tun. (Matthäus 5,3–11)
All das sagte Jesus. Und er tat es nicht heimlich, sondern sprach zu einer großen Menschenmenge. Das war verrückt!
Was die Kirche braucht, was diese Welt braucht, sind Christen, die genauso verrückt sind wie ihr Herr. Verrückt genug, um zu lieben, wie Jesus geliebt hat. Um zu geben wie er, zu vergeben wie er, Gerechtigkeit auszuüben, die Barmherzigkeit zu lieben, demütig auf den Wegen Gottes zu gehen. So wie Jesus.
Verrückt genug, etwas zu wagen, was sonst keiner wagt: Die Welt wirklich auf den Kopf zu stellen, damit sie kein Albtraum mehr ist, sondern sich immer mehr Gottes Traum, seiner Idee annähert. Und diejenigen unter uns, die Jesus gerne nachfolgen wollen, diejenigen, die seine Jünger sein wollen … sind auch dazu aufgerufen, verrückt zu sein.
Im Neuen Testament wird die Geschichte von Maria aus Magdala, auch bekannt als Maria Magdalena, erzählt. Sie wird stets sehr negativ dargestellt. Ob als sündhafte Prostituierte im Neuen Testament oder auch in dem Roman Sakrileg – jedes Mal bekommt sie ihr Fett weg. Und das, obwohl sie eigentlich das beste Beispiel für eine Nachfolgerin Jesu ist. Wieso? Ganz einfach: Maria Magdalena war verrückt. Sie taucht auf, wo sie nicht auftauchen soll. Sie redet, wo andere schweigen. Sie steht auf, wenn sich alle anderen hinsetzen. Sie tanzte ganz offensichtlich ständig aus der Reihe. Und solche Leute nennt die Welt nun mal verrückt.
Denken Sie an die Kreuzigung Jesu. Eine Hinrichtungsmethode, die vom Römischen Reich bei Verbrechen gegen den Staat angewandt wurde. Eine öffentliche Form der Folter, extrem brutal – um allen deutlich zu machen, dass Revolution und Revolutionäre nicht toleriert werden. Unterstützer und Anhänger eines Gekreuzigten waren ebenfalls in Gefahr und taten gut daran, sich dem Hinrichtungsort nicht zu nähern. Vernünftig wäre es gewesen, unterzutauchen oder ins Exil zu gehen.
Was taten die Jünger Jesu, als ihr Herr gekreuzigt wurde?
Simon Petrus? War nicht da. Jakobus? Abwesend. Andreas? Abwesend. Bartholomäus? Abwesend. Judas? Ebenfalls abwesend. Maria Magdalena? Sie war da. Und sie hatte sich nicht in der Menge versteckt. Sie stand ganz vorne bei Jesus am Kreuz.
Früher sangen die Sklaven ein Lied: »Were you there when they crucified my Lord?«
Wo warst du, als sie den Herrn kreuzigten?
Maria war einer der wenigen Menschen, die sagen konnten: »Ja, ich war da.« Und das trotz aller Gefahr! Wenn das nicht verrückt ist!
Und es ist noch nicht alles.
Wer steht am Ostermorgen auf und geht zum Grab?
Nicht Petrus, nicht Andreas, nicht Jakobus, nicht einmal Johannes, der Lieblingsjünger Jesu. Nein, es ist Maria Magdalena, begleitet von ihren Schwestern! Sie gehen zum Grab, obwohl es gefährlich ist, deutlich zu machen, dass man mit einem Menschen in Verbindung steht, der vom Römischen Reich hingerichtet worden ist. In den Evangelien heißt es weiter, dass ein großer Stein vor den Eingang gewälzt worden war. Vermutlich wusste Maria das schon vorher. Und sie hätte überhaupt keine Möglichkeit gehabt, den Stein wegzuwälzen. Und trotzdem ging sie hin. Vollkommen verrückt!
Und das ist immer noch nicht alles. Im Matthäusevangelium heißt es, die Römer hätten Wachen beim Grab aufgestellt. Maria hätte keine Chance gehabt, sie zu vertreiben. Aber sie ging trotzdem hin. All das ist total verrückt.
Und diese Verrücktheit ließ sie zur ersten Zeugin der Auferstehung Jesu von den Toten werden. Sie konnte die Tatsache bezeugen, dass die Liebe Gottes größer ist als aller Hass. Weil Maria so verrückt war wie Jesus, wurde sie seine Zeugin.
Maria Magdalena zeigt uns, wie es geht. Und sie zeigt uns, dass wir verrückte Christen brauchen.
Den meisten ist es gar nicht bewusst, aber wir haben sogar einen Gedenktag für verrückte Christen. Allerheiligen. Allerheiligen, weil die Heiligen – obwohl sie fehlbare, sterbliche, sündhafte Menschen waren wie wir – alle aus der Reihe tanzten, wenn es darauf ankam. Sie haben in ihrem Leben etwas Entscheidendes getan, um diese Welt auf den Kopf zu stellen. Bis heute gibt es zahlreiche Bücher, in denen ihre Geschichte erzählt und an sie erinnert wird. Harriet Beecher Stowe ist für mich solch eine Heilige. Sie setzte sich dafür ein, Sklaven zu befreien, und half als Christin mit, die Welt zu verändern. Bekannt geworden ist sie durch ihren Roman Onkel Toms Hütte. Darin erzählt sie, wie sich Sklaverei anfühlt. Von der Brutalität, der Ungerechtigkeit und der Unmenschlichkeit.
Ihr Buch bewirkte im 19. Jahrhundert, was heute vielleicht YouTube-Filme über Ungerechtigkeit und Brutalität bewirken: Es rief die Gegner der Sklaverei auf den Plan und erregte großen Ärger bei all denen, die von ihr profitierten. Es hatte einen so großen Einfluss, dass Abraham Lincoln, der während des Bürgerkrieges das Amt des amerikanischen Präsidenten innehatte, bei ihrer ersten Begegnung gesagt haben soll: »Das ist also die kleine Dame, die diesen großen Krieg angezettelt hat.«[2] Beecher Stowe selbst hat über ihren Roman gegen die Sklaverei gesagt: »Ich habe ihn so geschrieben, weil ich als Frau und Mutter niedergedrückt und verzweifelt war von dem Kummer und der Ungerechtigkeit, die ich sah. Weil ich als Christin das Gefühl hatte, dass hier dem Christentum Schande gemacht wurde. Weil ich, die ich mein Land liebe, vor dem Tag des Gerichts zitterte.«[3]
Kein Zweifel: Harriet Beecher Stowe war verrückt. Zu dieser Zeit erwartete man von einer Frau, dass sie höchstens nette Geschichten schrieb – keine Romane, die das Gewissen einer ganzen Nation aufrütteln. Eine Frau aus ihrer Gesellschaftsschicht sollte heiraten, wohlerzogene Kinder haben, ein bisschen Wohltätigkeitsarbeit leisten und bei ihrer Beerdigung von allen, die sie kannten, liebevoll bedacht werden. So hätte ihr Leben aussehen sollen. Aber Beecher Stowe war in einer Familie aufgewachsen, die daran glaubte, dass Nachfolge Jesu bedeutet, die Welt zu verwandeln. Und manchmal bedeutet das eben, aus der Reihe zu tanzen. Sich gerade dort einzumischen, wo wir in Versuchung sind, einfach wegzuschauen. Den Mund aufzumachen, wenn alle anderen schweigen. Anders zu sein. Manchmal bedeutet Nachfolge Jesu, verrückt zu sein.
Nach dem Tod von Steve Jobs, dem Gründer der Firma Apple, wurde ein alter Werbefilm aus den Neunzigerjahren auf YouTube verbreitet. Die Botschaft: Think different – denke anders. Der Film zeigt eine Collage von Leuten, die andere Menschen inspiriert, etwas Besonderes erfunden, erschaffen oder geopfert haben, um die Welt ein Stück besser zu machen. Menschen, die etwas Entscheidendes bewirkt haben. Mutter Teresa, Albert Einstein, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer und viele andere. Eine Stimme aus dem Off liest währenddessen folgenden...