Geologischer und geschichtlicher Hintergrund
Die Wurzeln
Der Fuß Gottes
Lage und Form eines Landes bereichern Fantasie und Mystik, wenn es darum geht, die Heimat als Mittelpunkt oder – wie bei Inselbewohnern beliebt – als Ursprung der irdischen Welt zu verstehen. Im Fall Madagaskar ähnelt der Umriss einem riesigen linken Fuß. Und dieser Fußabdruck, davon sind zumindest die Anhänger der „Madagaskar-ist-der-Nabel-der-Welt-Theorie“ überzeugt, ist der des Schöpfergottes Zanahary, der mit dem somit auserwählten Flecken Erde die Entwicklung auf dem Globus „losgetreten“ haben soll.
Die Position des Inselstaates ist das Resultat Jahrmillionen währender Erdplattentektonik. Nachdem Bewegung in die Landmasse des Urkontinents Pangea gekommen war, lösten sich Madagaskar, Indien und Australien – bis dahin mit Südamerika, Afrika und der Antarktis im gewaltigen Südkontinent Gondwanaland vereint – vor rund 250 Millionen Jahren nacheinander von Afrika. Die Abspaltung Madagaskars begann recht „spät“ vor etwa 200 Millionen Jahren, seit mindestens 60 bis 65 Millionen Jahren ist das Land durch die Straße von Mosambik von Afrika getrennt, blieb aber weiterhin mit der geologischen Struktur der Afrikanischen Platte verbunden. „Große Insel“ oder „Großes Land“ wird Madagaskar genannt, nicht nur weil es mit fast 590.000 km2 die viertgrößte Insel der Erde ist, sondern weil es außer vielfältigen Landschafts- und Klimazonen einmalige Naturschätze beherbergt. Dank der langen Isolation und speziellen Genese von Fauna und Flora haben hier Urzeitarten überlebt, die woanders längst ausgestorben sind.
Die Schöpfungsgeschichte auf Madagassisch
„Lang, lang ist es her,“ erzählt man in Madagaskar, „da war Zanahary allein auf dem Berg Ankaratra spazieren gegangen. Er war sehr traurig und einsam, denn es gab kein menschliches Wesen, mit dem er sich unterhalten konnte. So hatte er sich an einen seiner Vertrauten gewandt: ‚Lass uns lebendige Wesen auf dieser Erde schaffen, damit wir jemanden besuchen können, wenn wir zur Erde kommen.‘ Und Zanahary zeichnete auf den Boden einige menschliche Figuren. Dann warf er vom Himmel aus einige Pfeile darauf, und die getroffenen Figuren wurden lebendig. Dies war der Anfang aller lebenden Wesen in Madagaskar …“
(aus: Razafindramiandra, „Märchen aus Madagaskar“)
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Auf den Spuren der ersten Siedler überquerte 1985 „Sarimanok“ den Indischen Ozean zwischen Indonesien und Madagaskar
Die ersten Madagassen (ca. 2. Jh. v. Chr.–ca. 1000 n. Chr.)
Für die Forscher ist gesichert, dass die ersten Madagassen von auswärts gekommen waren. Wann das genau gewesen sein könnte, bleibt allerdings weiterhin ein Rätsel. Es wird sogar für möglich gehalten, dass König Salomon in Madagaskar nach Gold suchen ließ. Schließlich waren bereits vor rund 3000 Jahren seefahrende Völker des Mittelmeerraumes und Anrainer des Indischen Ozeans in der Lage, über das offene Meer zu reisen.
Verlässt man sich nur auf die spärlichen Funde der Archäologen, könnte man vermuten, dass die ersten Menschen erst ab dem 8. Jh. n. Chr. hier gelandet sein dürften. Doch können menschliche Siedlungen nicht nur anhand von Scherben, Werkzeugen oder Knochen, sondern auch aufgrund von pflanzlichen Spuren nachgewiesen werden. So datiert Prof. H. Straka aus Kiel, einer der bekanntesten Pollenanalytiker (Palynologen), aufgrund langjähriger Forschungen an unterirdisch abgelagerten Reispollen am Itasy-See im madagassischen Hochland, zwei „Einwanderungswellen“: vom 2. Jh. v. Chr. bis ca. 1000 n. Chr. und noch einmal ab dem 15. Jh. n. Chr. Vieles spricht dafür, dass die ersten Menschen, die in so früher Zeit die Insel erreichen konnten, aus dem fernen Asien kamen und nicht, wie die geografische Nähe suggeriert, direkt aus Afrika.
Extrainfo 1 (s. S. 9): Beitrag zur Erforschung von Pflanzenfossilien und deren Bedeutung für die Besiedlungsgeschichte Madagaskars (englisch)
Die „vazimba“ – Ureinwohner oder Fabelwesen?
In Legenden und in Reiseberichten sind sie oft erwähnt, die geheimnisvollen „vazimba“ („die, die schon immer da waren“). Mal werden sie als pygmäenhafte Jäger und Sammler beschrieben, mal als Ackerbauern. Für die einen sind sie dunkelhäutig, andere Berichte erzählen von scheuen, weißen Waldmenschen. Der Hautfarbe und anderer Körpermerkmale wegen wurde ihre Herkunft mal in Afrika, mal in Asien und immer wieder auch im Reich der Fabelwesen vermutet. Da helfen die Erkenntnisse der Linguisten weiter: Frühe wie spätere Einwanderer, Afrikaner wie Asiaten hätten sich stets in der austronesischen, also malayo-polynesischen Sprache verständigt. Demnach seien die „vazimba“ höchst wahrscheinlich aus einer Vermischung von frühen malaiischen Siedlern mit später eingewanderten Afrikanern bzw. mit Bantu-Gruppen entstanden.
Die Ur-Madagassen ziehen Forscher und Abenteurer magisch an. Wie die Ethnologin Lotte Schomerus-Gernböck, die 1966 in ihrem Buch „Im unerforschten Madagaskar“ berichtet: „… dass sie (die ‚vazimba‘, Anm. d. Autors) nach der Überlieferung der jetzigen Bewohner des Hochlandes, in der Gegend der heutigen Hauptstadt Antananarivo gewohnt haben sollen. Sie seien wild und kriegerisch gewesen, hätten aber dennoch von den ‚Hova‘ (die Klasse der Freien bei den Merina, Anm. des Autors) verdrängt werden können … Nachkommen von ihnen sollten heute noch ‚irgendwo’ im Westen leben. Auf dem Hochland selbst hatten die ‚vazimba‘ Eigenschaften von Geistern angenommen, die den Menschen Gutes oder Böses antun können und jeden, der sie beleidigt, mit Krankheit und Tod bestrafen.“
Der Amerikaner Mark Eveleigh, der den Ureinwohnern erfolglos nachgespürt hatte, musste einsehen: „In einem Land, in dem das tägliche Leben von übernatürlichen Mächten beherrscht wird, darf es nicht verwundern, wenn man zu hören bekommt, dass die ‚vazimba‘ von heute unsichtbar sind, telepathische Fähigkeiten besitzen und die Macht haben, ahnungslose Wanderer mit einem Fluch zu belegen, wenn diese ihrem Versteck zu nahe kommen.“ (aus: Mark Eveleigh „Madagaskar, der sechste Kontinent“)
Auch wenn es die „vazimba“ höchst wahrscheinlich seit dem 17. Jh. als eigene Ethnie nicht mehr gibt, leben diese Ureinwohner im Traditionsglauben und in Sprichwörtern fort. Und da sie für die meisten Hochlandbewohner als die ältesten Vorfahren gelten, rangieren sie in der Ahnenverehrung ganz oben. Sogar einige der ersten Merina-Könige sollen von ihnen abstammen. Noch heute führen sich vereinzelte Merina-Klans wie die Antehiroka auf die „vazimba“ zurück. Die Spuren der Ureinwohner finden sich vielerorts im Land. In der Hauptstadt und sogar im UNESCO-Schutzgebiet von Bemaraha ist man auf Vazimba-Gräber gestoßen.
Das asiatische Erbe – die weite Anreise über den Indischen Ozean
Im Jahr 1985 erregte die spektakuläre Fahrt der „Sarimanok“ weltweites Aufsehen, vor allem in Madagaskar, dem Ziel ihrer Reise. Das Boot kam von Indonesien aus 7000 km weit über den Indischen Ozean gesegelt, um in der Frage „Woher und wie kamen die ersten Menschen nach Madagaskar?“ neue Antworten zu ermöglichen. Der internationalen Crew aus Seeleuten und Wissenschaftlern unter Leitung von Bob Hobman – darunter ein Experte für Gestirnnavigation, eine Ernährungsexpertin als einzige Frau und der Autor dieses KulturSchock-Bandes – war nach mehr als sieben abenteuerlichen Wochen auf hoher See und unter annähernd vorzeitlichen Bedingungen der Nachweis gelungen, dass eine direkte Überquerung des drittgrößten Weltmeeres auch schon vor rund 2000 Jahren praktikabel war.
Wie die austronesischen Vorbilder hatten sich die neuzeitlichen Migranten auf der „Sarimanok“ Sonne, Mond, Sternen, dem Passatwind und der südäquatorialen Meeresströmung anvertraut. Diese konstante Kraft von Ost nach West (einige Breitengrade nördlich des Äquators wirkt ein Strom in umgekehrte Richtung) ist ein zuverlässiges Argument für eine Einwanderung über das offene Meer. Hat sie doch im Jahr 1883 sieben Wochen nach Ausbruch des Krakatau vor Westjava Bims- und Aschepartikel bis an Madagaskars Ostküste geschwemmt! Überdies war die „Sarimanok“ als...