3 Kindersportbücher adäquat nutzen
Bücher können – bewusst oder unbewusst – als Lernmittel dienen. Erfolge durch sie hängen davon ab, wie der Zugang zu den Büchern und den Inhalten gestaltet wird.
Zunächst ist es notwendig, dass die jungen Sportschützen lernen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Lernmitteln (Bücher, Poster, Schuss- oder Trainingsprotokolle usw.) umzugehen. Beherrscht ein Sportler solche Grundfertigkeiten nicht, kann schwerlich ein eigenständiges Lern- und Trainingsverhalten entstehen. Der Trainer kann zwar davon ausgehen, dass die Kinder dies – je nach Altersklasse – in der Schule gelernt haben. Trotzdem sollte zumindest der Charakter der Kindersportbücher, deren Aufbau und die positiven Auswirkungen auf die Trainingspraxis vom Trainer erläutert werden. Das bildet die Grundvoraussetzung für die Selbstständigkeit im Umgang mit diesen Büchern und beim Heimtraining.
Hoffen Sie nicht zu sehr, dass die Kinder diese Fähigkeit eigenständig erwerben. Im Gegenteil, es bedarf einer gründlichen, im praktischen Vollzug ablaufenden Unterweisung. Tipps alleine bewirken noch nicht viel, erst die Anwendung zeigt ihren Wert. Konkret bedeutet das, auch mal einige Minuten von der Trainingszeit dafür zu nutzen, um anhand der Bücher gemeinsam zu arbeiten. Üben Sie mit den Kindern und miteinander den Umgang mit den Büchern (Verwendung der Inhaltsverzeichnisse, Zeichnungen – besonders Fehlerbilder verstehen, Tabellen führen, Checklisten verwenden, Zeichen verstehen, Zielformulierung, Ernährung, Tagesrhythmus u. a.). Wir kommen im Einzelnen darauf zurück und geben Ihnen mit den Aufgabenbeispielen und Buchverweisen konkrete Hinweise.
Die Zeit, die für die Unterweisung im Umgang mit den Büchern zum Sportschießen für Kinder verwendet wird, wird sehr rasch wieder aufgeholt und zahlt sich aus, weil dann mithilfe der Bücher kindgerecht gründlicher, intensiver und schneller gearbeitet werden kann.
Dass dabei natürlich auch Vorbildwirkungen des Trainers einfließen, soll vervollständigend erwähnt werden. Wenn sich der Trainer keine Aufzeichnungen macht und keinen Plan hat, wie soll er dann einen Sportler davon überzeugen, seine Ziele schriftlich niederzulegen? Wenn der Trainer ohne Buch auskommt, wird es der Sportler erst recht. Deshalb ist vor trainingsfördernden Handlungsanleitungen eine Selbstreflexion besonders vonnöten.
Achten Sie bei der Planung des Lehrprozesses darauf, dass mehrere „Kanäle“ benutzt werden (sehen, hören, fühlen, schreiben, lesen).
Lerntypen
Viele Menschen gehören einem bestimmten Lerntyp an. Der eine versteht und behält am besten, wenn er etwas hört (Hörtyp). Der andere möchte es sehen als Abbildung, im Foto oder im Video (Seh- oder Bildertyp) und ein dritter schreiben (skriptiver Typ). Und wieder andere lernen und begreifen am besten, wenn sie es ausprobieren; sie sind dem Handlungstyp zuzurechnen, der beim Bewegungs- und Handlungslernen dominiert. Ganz so eindeutig sind die Lerntypen aber nicht ausgeprägt. Die meisten Menschen sind Mischtypen. Das heißt, dass sie keinen übermäßig ausgeprägten Lernweg besitzen (siehe Testbogen zur Lerntypanalyse im Anhang).
Lernweg
Der Lernstoff wird über verschiedene Sinnesorgane aufgenommen. Über das Auge, das Ohr, den Geruchssinn, den Geschmackssinn, den Muskelsinn1 und die Tast-/Hautsinne. Die Sinnesnerven leiten die Sinnesreize zur Großhirnrinde, wo sie in Sinneswahrnehmungen umgesetzt werden. Von dort werden sie im Gedächtnis gespeichert. Man nennt die Strecke vom jeweiligen Sinnesorgan zum Gedächtnis Lernweg. Beim Handlungstyp wird das Gelernte im Handlungsspeicher aufgenommen, anderes wird im Speicher für bildhaftes Sehen abgelegt usw.
Normalerweise gilt: Je mehr Lernwege ein Lernender benutzt, desto besser wird der Lernstoff im Gedächtnis gespeichert.
Die meisten Übungsleiter und Trainer verlassen sich auf das Handlungslernen. Das ist im Sport auch prinzipiell richtig, weil das Lernziel letztendlich darin besteht, komplexe Handlungssituationen erfolgreich bewältigen zu können. Gerade im Sportschießen ist es von übergeordneter Bedeutung, Lage und Spannungszustand der einzelnen Körperteile bestimmen zu können: Wie steht meine Hüftachse zur Visierlinie? Welche Spannung herrscht gerade in meiner rechten Schultermuskulatur? Wie liegt der Abzugsfinger am Züngel?
Wenn man aber andere Lernwege zur Unterstützung heranzieht (lesen, hören, zeichnen), wird auch der motorische Lernprozess beschleunigt und dauerhafter. So muss sich beispielsweise der Sportschütze beim ideomotorischen Training den Bewegungsablauf vorstellen können. Und das gelingt ihm, indem er die Bewegung oder Handlung verbalisiert, also laut oder „in sich hinein“ spricht und sie sich dabei bildlich vorstellt (s. dazu Kap. 4.1.4).
Verarbeitung des Lernstoffs
Lange Zeit ging man davon aus, im Gehirn gäbe es mit dem Ultrakurzzeitgedächtnis, dem Kurzzeitgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis drei „Schubfächer“, die mit Inhalten gefüllt sind. Beim Lernen würden die Inhalte von einem in das andere Schubfach „übertragen“. Und wenn dann noch ein „Nürnberger Trichter“ aufgesetzt werden könnte, müsste man sich nicht einmal mehr anstrengen.
Neuere Untersuchungen der Hirnforscher verweisen darauf, dass dies natürlich so nicht funktionieren kann. Sie orientieren auf zwei entscheidende Merkmale moderner Lernansätze: das Arbeitsgedächtnis und die Verarbeitungstiefe.
DAS ARBEITSGEDÄCHTNIS
Über die Sinneskanäle gelangen wichtige Informationen ins Gehirn. Dort werden sie in einem Arbeitsgedächtnis, das nur eine sehr begrenzte Kapazität hat, für nur kurze Zeit behalten. Trotzdem ist dieses Arbeitsgedächtnis sehr wichtig, weil es die wenigen wichtigen Inhalte aktiviert hält, um sie zu ordnen, zu verknüpfen und mit ihnen umzugehen.
VERARBEITUNGSTIEFE
Dieses Hantieren mit den Inhalten erfolgt in verschiedenen Arealen des Gehirns zeitgleich sowie interaktiv, und es hinterlässt Spuren. Diese Spuren sind umso tiefer, je mehr, je öfter und motivierter mit den Inhalten hantiert wird. Und das ist für den Erwerb von Wissen der gleiche Grundvorgang wie für den Erwerb von Fähigkeiten oder Fertigkeiten. Dies aber ist ein langwieriger Prozess. Das Lernen geht langsam voran. Das weiß jeder, der z. B. ein Musikinstrument zu spielen oder auch eine Sportart wie Sportschießen gelernt hat. Wenn eine Fertigkeit gelernt wird, dann verbessert sich diese nur schrittweise. Das gilt nicht nur für sportliche Fertigkeiten, sondern beispielsweise auch für künstlerische.
So hat nachweislich z. B. ein wirklich guter Musiker bis etwa zum 20. Lebensjahr mindestens 10.000 Stunden mit seinem Instrument zugebracht.
Nur derjenige, der sehr viel übt, wird im Laufe der Zeit Fortschritte machen.
Auch bei Untersuchungen mit Fließbandarbeitern wurde nachgewiesen, dass die Leistung langsam zunimmt, d. h. die Zeit, die für eine bestimmte Abfolge von Handgriffen benötigt wird, kontinuierlich mit der Anzahl der Handgriffe abnimmt und dass eine optimale Leistung erst nach 1-2 Millionen Handgriffen erreicht wird. Es dauert also ganz offensichtlich sehr lange, bis wir eine bestimmte Fertigkeit beherrschen. Und das ist in der Musik oder der Arbeit nicht anders als beim Sportschießen.
Auf der Abbildung sieht man den Zusammenhang zwischen der mit Übung am Instrument verbrachten Gesamtzeit und dem Alter der Musiker. Die vier Kurven entsprechen den Werten für vier Gruppen mit unterschiedlichem Niveau.
Wer ein Profi-Geiger wird, der hat mit 10 Jahren schon 1.000 Stunden Geige gespielt, als Teenager (mit 15 Jahren) 4.000 Stunden und mit 20 Jahren mehr als 10.000 Stunden. Mäßige Streicher haben etwa halb so viel Zeit mit ihrem Instrument zugebracht und Amateurmusiker noch einmal die Hälfte.2
Beim Einüben komplexer Bewegungsabläufe – und dazu gehört auch das Technikerwerbstraining beim Sportschießen – wird das noch deutlicher. Es dauert jeweils Tausende von Stunden, bis der Bewegungsablauf eines einzelnen Schusses annähernd perfekt geling
Dabei wird immer wieder das gerade Erlebte mit den technischen Vorgaben verglichen und in einem zweiten Schritt Konsequenzen für das nächste Mal abgeleitet.
Lernhemmungen
Sie treten dann auf, wenn der Sportschütze mit der Überfülle der Informationen nicht fertig werden kann oder die Ähnlichkeit nicht unterscheiden kann.
Ähnlichkeitshemmungen
Das Kind glaubt, alles verstanden oder die Technik richtig ausgeführt zu haben, weil es die geringen Unterschiede, die Sie ihm erklären, nicht versteht.
Gleichzeitigkeitshemmungen
Informationsaufnahme und Ablenkungen im Training, parallele Trainingsgruppen in der Schießhalle.
Erinnerungshemmungen
Kurz vor „Abruf“ der gelernten neuen Inhalte ist „plötzlich alles weg“. Und deshalb: Gegen das Vergessen hilft u. a. das Wiederholen – auch ohne die praktische Ausführung – zu Hause mit dem Buch.
Weitere Hinweise zur Arbeit mit den Übungsbüchern
- Lesen Sie mit den Sportschützen gemeinsam; besprechen Sie, was wichtig ist und heben Sie es mit einem Textmarker (am besten in...