Worte zum Anfang
Der Mut und die Liebe, die Stärke und das Weiche: Diese vermeintlichen Gegensätze begleiten mich täglich sowohl beruflich als auch privat. Immer wieder stand ich vor folgendem Problem: Für die eine Gruppe bin ich zu weich, zu soft, nicht radikal genug. Für die andere Gruppe wiederum bin ich zu rigoros, zu hart. Zu soft für die Harten und zu hart für die Soften. Jahrelang fühlte ich mich hin- und hergerissen: Soll ich entschiedener, unbarmherziger in meinem Aktivismus werden? Oder soll ich gar milder und sanfter werden in meiner Kommunikation, wenn es um die Klimakrise und andere Probleme geht? Es war ein Spagat, den ich als junge Aktivistin machen musste. Ein ermüdender Spagat. Bis ich eines Tages feststellte: Ich muss mich nicht entscheiden. Ich brauche kein Etikett, das mir vorschreibt, wie man Aktivismus durchzieht. Für manche werde ich immer zu weich und für manche immer zu hart sein – das ist nicht schlimm. Denn für mich ganz persönlich ist der Weg klar: Mein Herz ist stark, und es ist weich. Das eine schließt das andere nicht aus – diese Erkenntnis hat mich unheimlich befreit. Sie hat mir den Raum gegeben, verständnisvoll, aber bestimmt zu sein. Das Befreien von Labels war wichtig für mich, da ich als Person im Internet sofort in Schubladen gesteckt werde. Mal bin ich pazifistische Yogini, die immer lächelt, mal die wütende Feministin. Und was, wenn man beides in sich trägt? Ich wollte keine dieser Schubladen mehr, ich wollte ich sein. Ich wollte Raum für Liebe, Mut, Hass, Trauer, Leidenschaft, Stärke und Weichheit haben. Und diesen Raum habe ich mir einfach genommen, so wie du ihn dir auch nehmen kannst.
Wir leben in einer Zeit, wo es an Gurus zum Thema Positivität und Glück nicht mangelt, »Liebe ist überall« und »Du bist Liebe« liest man allerorts. Ein gezwungenes Lächeln, auch wenn einem nicht nach Lächeln zumute ist. Bei einem Buch über die Liebe denkt man dann vielleicht zuerst: Ponys, Regenbogen, Blumen. Das ist nicht meine Definition von Liebe. Liebe bedeutet für mich, roh und ehrlich zu sein. Liebe ist nämlich auch Hass, Wut, Trauer. Liebe schließt all diese dunklen Emotionen, die wir nicht fühlen wollen und zur Seite schieben, nicht aus. Liebe ist vielmehr die Erlaubnis, sich all das zu erlauben.
Es ist meine tiefste Überzeugung, dass Liebe ohne all das nicht sein kann, weil es eine oberflächliche Form der Liebe wäre. Eine gekünstelte Hollywoodliebe, eine plastikverpackte Styroporliebe. Liebe ist das Spektrum des Fühlens, mit allen Amplituden, in die das Leben ausschlägt. Ich habe so lange probiert, ein Mensch zu sein, der nicht wütend wird, der sanft ist, ein »liebevoller« Mensch. Was dabei an die Oberfläche gelangt, ist niemals die Wahrheit. Denn wenn wir alles, was nicht schön, glatt und wunderbar ist, nicht ausatmen und rauslassen, sondern glatt bügeln, runterschlucken, ignorieren, dann sprechen wir nicht von Herzen, und wir sprechen nicht unsere Wahrheit. Die Wahrheit kann oft »Ich liebe dich nicht mehr« sein, und dieser Satz birgt oft mehr Liebe als ein »Ich liebe dich«, wenn es nicht die Wahrheit ist. Ehrliche, rohe, wahre Worte zu sprechen, ist das, was Liebe für mich bedeutet. Liebe ist Toleranz, all den Gefühlen und Emotionen Raum zu geben – sie nicht zu ersticken. Bitte merke dir: Gefühle sind nicht schmutzig. Auch nicht die, die wir als negativ oder schmutzig ansehen.
Die Liebe zur Natur, meinen Mitmenschen, den Tieren gegenüber ist der Grundstein für meinen Aktivismus. Die Liebe zu mir selbst ist die Mutter, die über allen Emotionen steht – auch der Wut, der Angst, der Trauer und der Verzweiflung, die der Aktivismus und die allgegenwärtigen Krisen mit sich bringen. Aber auch die Leidenschaft für das, was man tut. In Zeiten der Klimakrise, der politischen und gesellschaftlichen Krise, brauchen wir die Liebe mehr als zuvor. Wir brauchen das Verständnis, den Dialog und die Toleranz, auch der Intoleranz gegenüber, um diese zu bewältigen. Viel zu viele Mauern wurden gebaut; zu viele Menschen leiden.
Mit diesem Buch schlägst du nicht nur Seiten auf – ich mache darin mein Herz für dich auf. Denn ich stelle mir unser Leben wie folgt vor: Es gibt ein inneres und ein äußeres Zuhause. Das äußere Zuhause kennen wir. Der Ort, an dem wir wohnen, uns aufhalten. Das, was wir »Heimat« nennen. Zuhause kann ein spezieller Ort oder auch mehrere, physische Orte sein. Viel weniger beachtet ist jedoch das innere Zuhause. Wie oft schauen wir rein, ins innere Zuhause? Manchmal, wenn man »nach Hause«, zu sich kommt und ganz genau hinfühlt, wird man mit dem inneren Auge sehen: Da sieht es nicht immer aufgeräumt und glatt aus. Manchmal ist das innere Zuhause chaotisch, kopfüber, manchmal hat da gerade jemand eine wilde Party gefeiert oder erotische Fantasien ausgelebt. Manchmal brennt es im inneren Zuhause. Es kann aber auch gemütlich, aufgeräumt oder angenehm unordentlich sein. Für unser äußeres Zuhause haben wir einen Werkzeugkoffer: Hammer, Schraubenzieher, Zange – alles da. Wenn das Bild mal schief hängt oder die Wände neu gestrichen gehören – wir wissen, was wir brauchen. Anders ist es aber oft mit dem inneren Zuhause, für das wir genauso eine Werkzeugkiste brauchen. Was tun wir, wenn wir vor lauter Stress nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist? Wie können wir entgegenwirken, wenn die innere Stimme uns wieder einmal klein macht? Und wie gehen wir mit Menschen um, die unsere gesamte Energie rauben? Wo ist der Feuerlöscher, wenn es mal brennt?
Schon früh wurde mir bewusst: Wir suchen so oft nach Antworten, ohne die richtige Frage zu kennen. Die richtige Frage ist oft viel bedeutender als die Antwort, die oft obsolet wird, sobald man die passende Frage gefunden hat. Wir alle haben Fragen, das beginnt schon im Kindesalter. Es ist die Neugier, die man beim Kind kultivieren muss, denn mit der Erstickung der Neugier stirbt auch alles andere, was daraus wachsen kann: Kreativität, Innovation, Veränderung, Wachstum. Ich selbst war eines dieser »nervigen« Kinder, die ununterbrochen Fragen stellen. Sehr zum Unmut vieler Lehrer*innen, die meine Fragen gerne als verhaltensauffällig bezeichneten und lieber ihren Frontalunterricht durchgezogen hätten. Zu meinem Glück hat mich der Mut zu fragen nie verlassen, vor allem nicht die Fragen, die ich mir selber tagtäglich stelle. Fragen wie »Möchte ich wirklich Kleidung von ausgebeuteten Textilarbeiterinnen tragen?« und »Kann ich mit 20 alleine für vier Monate durch Asien reisen?« haben mein Leben grundlegend verändert. Eine einzige Frage kann wie ein Tropfen auf einen flachen, stillen See prallen und Wellen schlagen, die wir uns zuvor niemals ausgemalt hätten.
Die wohl wichtigste Frage, die ich mir regelmäßig stelle, lautet »Liebe ich?«. Und hier meine ich eben nicht die oberflächliche, artifizielle Liebe, die wir aus Hollywoodfilmen kennen. Ich meine die Liebe, die Leidenschaft, die stärkste Zuneigung, die man sich vorstellen kann. Die Liebe, die auch Hass, Wut, Trauer erlaubt. Egal ob es das Essen ist, das vor mir steht, der Partner oder das Buch, das ich gerade lese: Wenn da keine Liebe ist, ist es Zeitverschwendung. Als ich 27 wurde, realisierte ich: Ein Drittel meines Lebens war bereits verstrichen. Durchschnittlich werden Menschen 28 000 Tage alt, die Hälfte ist also, wenn es nach der Statistik geht, mit knapp 38 Jahren vorbei. Wieso um alles in der Welt sollte ich etwas tun, wenn ich dabei keine Liebe empfinde? Wieso sollte ich einer Diät nachgehen, die sich jeden Tag wie eine Qual anfühlt? Wieso sollte ich in einer Beziehung bleiben, die mir nur Energie raubt? Und wieso verdammt noch mal sollte ich das tun, was andere, aber nicht mich zufrieden macht? Unsere Vergänglichkeit, die enorm kurze Zeit, die so ein Leben bereithält, sollte uns jeden Tag bewusst werden. Leider wird uns diese Vergänglichkeit aber nur dann bewusst, wenn sie vor der Tür steht. Wenn der Tod bei einem geliebten Menschen oder uns selbst anklopft. Wenn wir über eine Tragödie in der Zeitung lesen. Wenn wir ein ergreifendes Buch lesen oder einen TED Talk schauen, der uns daran erinnert. Zu sagen: »Ich möchte lieben«, mag für viele romantisiert klingen, dabei ist es für mich eine wahrhaftig realistische Herangehensweise, die besagt: Nutze deine Zeit, gib alles, blicke den Tatsachen ins Gesicht.
Wir realisieren nicht, dass es kein zweites, drittes, viertes Leben geben wird. Es gibt nur dieses eine Leben. Trotz alledem schieben wir die Entscheidung, ein erfülltes Leben zu führen, auf. Wir führen Beziehungen, die wir emotional schon längst beendet haben. Wir trennen uns jahrelang nicht, weil wir uns dem Auseinandergehen nicht stellen wollen. Wir verbringen die schönsten Jahre unseres Lebens in Jobs, die uns Tag für Tag mehr zermürben. Wir verbringen fünf Tage die Woche damit, uns auf die zwei Tage zu freuen, an denen wir das tun können, was uns Spaß macht. Wir beschweren uns über zu wenig Zeit für die Dinge, die wir lieben. Wir trauen uns so oft nicht, ins kalte Wasser zu springen, obwohl wir nichts zu verlieren haben. Wir hetzen einer Karriere nach, weil Familie oder Gesellschaft uns von klein auf indoktriniert haben, dass mehr Geld in mehr Zufriedenheit...