Die im ersten Teil entwickelten Erkenntnisse sollen nun anhand von eigenen Erfahrungen mit dem Objekttheater geprüft werden. Die theoretischen Entwürfe werden also mit praktischen Versuchen verglichen.
Erste darstellerische Erfahrungen habe ich während des Grundlehreseminars im Bereich Spiel und Bühne im Wintersemester 1998 gesammelt. In diesem Seminar dienten Fahrradschläuche als Grundmaterial, aus dem eine Inszenierung entwickelt werden sollte. Den Teilnehmern wurde ein ganzer Sack Schläuche zur Verfügung gestellt. Mit diesen sollte, unter der Berücksichtigung der Materialbeschaffenheit, experimentiert werden. Die ersten Versuche wurden einzeln unternommen. Später konnte auch in Gruppen gearbeitet werden.
Dabei sind auf der einen Seite Spielfiguren entstanden, die mit Buchenstäben oder Perlonschnüren geführt werden konnten. Die Schläuche wurden zerschnitten und eingeschnitten und wieder zusammengeklebt. Das Material wurde bildlich verändert. Das Ergebnis waren abstrakte Figuren, die an menschliche oder tierische Wesen erinnerten. Die Figuren sind während der Bauphase immer wieder auf ihre Bespielbarkeit untersucht worden. (Kann ich die Figur so führen oder muss noch etwas verändert werden?) Am konsequentesten waren die Figuren, die mit einem Gestaltungsprinzip hergestellt wurden, zum Beispiel, indem der Gummischlauch nur längs aufgeschnitten wurde. In einer Szene kamen meist zwei Geschöpfe vor, die sich aufeinander bezogen und eine eine kurze Handlung darstellten.
Auf der anderen Seite experimentierten die Teilnehmer mit der unveränderten Form des Fahrradschlauches, die sie in Bezug zu ihrem Körper gesetzt haben, um zu einer szenischen Form zu gelangen. Die Dehnbarkeit des Materials wurde auf die Probe gestellt, in dem die Schläuche von zwei Spielern auseinander gezogen wurden. Rücken an Rücken stehend, von dem Schlauch umschlungen, streckten sie ihre Arme aus, mit denen sie die Schläuche festhielten und kippten voneinander weg. Der Schlauch konnte einen Sturz verhindern und die Spieler konnten mit wenig Mühe zu ihrer Ausgangsposition (senkrecht stehend) zurückschwenken. Durch das Umschnallen mehrerer Schläuche konnte die Bewegungsfreiheit der Spieler stark eingegrenzt werden. Durch diese Einschränkung wurden die menschlichen Bewegung künstlicher. Nur auf eine bestimmte Art konnten Bewegungen ausgeführt werden, die szenisch eindrucksvoll aussahen. Andere wiederum gestalteten bespielbare Kostüme. Senkrecht herunterhängende, gerade Schläuche schleiften hinter dem Spieler her. Drehte er sich um seine Achse schwangen sie hoch, fast in die Waagerechte.
Das Interessante war die Untersuchung des Materials auf seine funktionalen Eigenschaften zum Zweck der Darstellung. Die Gummischläuche verbargen darstellerische Möglichkeiten, die nur durchs Experiment herausgefunden werden konnten.[338] Diese dienten als Grundlage einer Szene, die choreografisch perfektioniert werden mußte. Es war nicht notwendig, Rollen darzustellen, und es fand meist auch keine Handlung (im Sinne einer Geschichte) statt. Aus spannenden Bildern gingen entweder komische oder dramatische Bewegungen hervor. Eingespielte Musik oder selbsterzeugte Geräusche untermalten die Szenen.
Durch die Arbeit, die ich in diesem Seminar kennenlernte, sind meine Inszenierungen geprägt worden. Im folgenden werde ich drei konkrete Beispiele zugrundelegen: Erstens das Stück movens, zweitens die Arbeit oo, sowie drittens das Stück 176 x 178. Dabei werde ich die Entwicklung der Stücke jeweils von den Grundideen, über die Objektwahl, das Experimentieren mit den Objekten und den wichtigsten Inszenierungselementen, bis hin zum Endergebnis verfolgen.
Die Inszenierung movens ist 2000 während meiner Zwischenprüfung entstanden. Die Idee, eine Stück mit Plastiktragetaschen als Rollenträger zu inszenieren, ergab sich aus dem Film American Beauty.[339] Der Protagonist des Films ist ein fanatischer Filmer. Er filmt nahezu alles, was ihm vor die Kamera kommt. So gelingt es ihm, Plastiktüten, die von einem kleinem Windwirbel tänzerisch durch die Luft geschwungen werden, minutenlang auf dem Videoband festzuhalten. Sie bewegten sich wie von Geisterhand. Das, was er im Medium Film zeigte, wollte ich wiederholbar in Szene setzen, und so mit den Tüten ein Theaterstück entwickeln.
Mein Anspruch war es daher, ein möglichst illusionistisches Stück zu realisieren. Der Zuschauer sollte also nicht erkennen, wodurch die Protagonisten aus Plastikfolie bewegt werden. Der Manipulateur sollte nicht gesehen werden, ähnlich wie bei den Gegenständen in Ionescos Inszenierung Der neue Mieter, die im ersten Teil dieser Arbeit beschrieben wurde. Von dieser Idee an arbeitete ich mit der Studienkollegin Anne Wiltawski zusammen. Der Ausgangspunkt war also eine Darstellungsidee, die auf keinen praktischen Erfahrungen basierte. Das führte zu größeren Schwierigkeiten als zunächst angenommen.
Wie trugen zuerst den Bestand an Tragetaschen, die sich in unseren Haushalten befanden, zusammen. Das vorhandene Repertoire an Tragetüten war sehr gering und meist waren diese auch schon gebraucht und zerknittert. Um an neue und ungebrauchte Plastiktragetaschen zu kommen, war ein Gang durch die Einkaufspassagen notwendig. In Geschäften der Großen Straße in Osnabrück gaben wir Auskunft über das Vorhaben, die Inszenierung mit Plastiktüten, und fragten nach Unterstützung duch die Spende von Tragetaschen, welcher Form auch immer. Kein Verkäufer hat diese Bitte verweigert. So entstand eine große Sammlung von Tragetaschen, die anfangs sehr unübersichtlich war. Das Material mußte daher anfangs nach verschiedenen Kriterien geordnet werden.
Als erstes haben wir die Papiertüten von den Plastiktüten getrennt. Es fiel nicht schwer, die Taschen nach den Geschäften ihrer Herkunft zu sortieren, da sie immer als Werbeträger genutzt werden. Die meisten von ihnen waren, zusätzlich zu ihrer äußeren Form als Plastiktüte, mit einem Logo oder Schriftzug des Geschäfts aufwendig bedruckt. Dadurch hatte man es also mit einem eindeutigen Symbol zu tun.[340] Diese äußere Gestaltung war sehr dominant und zuerst unumgänglich. An diesem Punkt der Materialwahl kam uns die Idee, diese Markenzeichen für die Darstellung zu benutzen – zum Beispiel „Esprit und Benetton verströmen sich in ihrer Schönheit“. Einiges sprach jedoch gegen diese Idee. Es wäre ein Spiel mit Markenzeichen geworden und hätte mehr Untersuchungen über das Image des jeweiligen Geschäftes gefordert als eine experimentelle Überprüfung der Plastiktüten auf ihre Bespielbarkeit. Die Frage sollte ja eher sein, wie sie zu Spielfiguren werden. Teilweise störte die Beschriftung daher so, daß wir gezwungen waren, die Tüten umzustülpen bzw. „auf links zu drehen“.
Die zweite Sortierung erfolgte dann nach der materiellen Beschaffenheit. Es gab dicke, feste, schwere, undurchsichtige Plastiktüten. Weiter gab es dünne, leichte, knisternde, durchsichtige Tüten. Ob in großer oder kleiner Ausführung, eine Tragetasche würde ihrem Namen nicht entsprechen, wenn sie nicht eine Tragevorrichtung hätte. Manche waren mit ovalen Einschnitten am oberen Rand versehen, um getragen werden zu können. Andere hatten einen zusätzlich angebrachten Kunststoffbügel. Auf die Vielfalt kann hier im Detail nicht eingegangen werden. Interessant ist die Bespielbarkeit, die nur durchs Experimentieren herausgefunden werden konnte.
Mit Hilfe eines Ventilators versuchten wir, eine dünne, knisternde Plastiktüte gezielt zu bewegen. Mit der Öffnung in den Luftstrom mit den bloßen Händen gehalten, blähte sie sich auf und hatte etwas Amöbenhaftes. Beim Loslassen flog sie nur soweit, wie der Luftschub sie getragen hat. Das Ergebnis war allerdings jedesmal unterschiedlich. Wir versuchten, sie mit Nylonfäden, die wir an den Griffen der Tasche anbrachten, in dem Luftstrom präzise zu lenken. Sie blähte sich anfangs auf, klappte aber sofort in sich zusammen wenn der Luftzug nicht ins Innere führte und war nicht mehr lenkbar, sie fiel auf den Boden. Wir mußten schnell feststellen, daß wir auf diesem Weg keine Bewegung wiederholen konnten.[341]
Da die Nylonfäden bereits an den Griffen befestigt waren, ließen wir die Tüte runterhängen, so daß sie leicht den Boden berührte, und jeder versuchte, seine Tüte im Stehen durch zwei Fäden zu bewegen. Durch das geringe Eigengewicht fiel sie, nachdem sie hochgezogen wurde, wirkungsvoll nach unten. Dieses Runterfallen entsprach der Leichtigkeit des Objektes. Die Plastiktüte ließ sich zwar durch diese Bewegungsmethode in verschiedene Richtungen ziehen, aber die Bewegungsart blieb fast gleich. Schnelle Bewegungen waren nur nach oben möglich, wirkten aber wie ein Rumgezerre. Eine Illusion des Eigenlebens war damit nicht zu erreichen. Sie konnte nicht schneller nach unten fallen,...