II. Die Fronde und die Macht Mazarins (1648–1661)
Ludwig XIV. lernte in den immerhin fünf Jahren der Fronde, von 1648 bis 1652, wie fragil seine königliche Autorität war. Er musste mehrfach die Flucht ergreifen, er stand wiederholt den Truppen der Großen des Adels gegenüber, und er lernte die Machtmittel der privilegierten Funktionseliten kennen: städtische Volksaufstände, verschlossene Tore und die Verweigerung der Anerkennung königlicher Rechtsakte. Die Opposition der Großen und der Parlamente, von der öffentlichen Meinung unterstützt, wollte ein Ende der von Mazarin verkörperten «Tyrannei» der «absoluten Monarchie», also gesicherte politische Mitbestimmung.
Der militärische und politische Sieg über die Fronde während des andauernden Krieges gegen Spanien lehrte Ludwig XIV., wie sehr ein König seine eigene Armee brauchte und wie wichtig der Sieg über Spanien war, das wieder einmal Führer der Rebellion gegen die Krone unterstützte. Auf seinen Kanonen stand nicht ohne Grund ultima ratio regis, «das letzte Mittel des Königs». Ludwig lernte zudem, dass er zuverlässige Diener in der Verwaltung brauchte, am besten Aufsteiger, die mit ihren Familien und ihren Netzwerken noch viel von ihm erhofften und den Etablierten aller drei Stände kräftig Konkurrenz machten. Dass die Fronde nicht zuletzt daran scheiterte, dass die Frondeure nur zeitweise gemeinsam, immer aber für ihre eigenen Interessen – das Pariser Parlament für politische Partizipationsrechte, der Adel für Machtpositionen seiner Familien und seiner Klientel – kämpften, lehrte ihn, dass die Verteilung der großen Ämter im Königreich als gut informierte politische Kunst zu betreiben war.
Weil Ludwig XIV. schon mit zehn Jahren zwar noch nicht selbständig regierte, aber doch bereits ganz König war, war die Fallhöhe groß. Nach den Siegesfeiern lernte er nun auch Schlachtfelder kennen und sah sich dort eigenen Untertanen gegenüber, von denen nicht wenige ihm persönlich in seine Hände Treue geschworen hatten.
1. Sieg über den Kaiser und Aufstand des Parlaments
Bei seinem dritten Lit de Justice am 15. Januar 1648 weinte Ludwig XIV., denn er brachte den Satz, der die Ansprache seines Kanzlers vorbereitete, nicht heraus. Er spürte wohl, dass das Parlament auf Konfrontation aus war. Der Generalanwalt des Parlaments, Omer Talon (1595–1652), ließ sich denn auch dahingehend vernehmen, dass die Mitglieder des Parlaments im wohlverstandenen Interesse des Königs «freie Menschen und nicht Sklaven» sein sollten; dass die Steuern die Bauern ins Elend stürzten; dass die Staatsdiener enteignet würden; dass es Zeit für Frieden sei. Grund und Anlass für diese nach den Maßstäben der Zeit äußerst provokante Rede waren der fortgesetzte Krieg gegen Spanien und gegen den Kaiser sowie die daraus resultierende, stetig steigende Steuerlast.
Das Parlament war insbesondere über die Schaffung zusätzlicher käuflicher Ämter erbost. 72 Parlamentsadvokaten (Maîtres des requêtes) gab es, gekaufte Ämter, doch sollten 1647 zur Füllung der Kassen neue Stellen geschaffen und verkauft werden; das senkte Einfluss, Einkommen und Wert der vorhandenen Ämter. Gegen diesen Plan wehrten sich nicht nur Betroffenen, sondern das ganze Parlament. Um mehr Druck aufzubauen, bedrohte die Krone das Parlament mit der Aufhebung der Paulette, jener Steuer, welche die Vererbung käuflicher Ämter erlaubte. Dies gefährdete die ökonomische und soziale Existenz der mächtigen Gruppe der Inhaber käuflicher und de facto erblicher Ämter. Am 16. Januar 1648 schritt das Parlament daher von der Widerrede zum Widerstand und erklärte die am Vortag registrierten Gesetze wegen Handelns unter Zwang für nichtig. Das politische Testament Richelieus hatte für solche Akte einen Begriff: «Angriff auf die königliche Autorität», und ganz ähnlich, «Beschränken der Autorität des Königs», nannte es auch Anna von Österreich. Sie führte im Interesse ihres Sohnes nicht nur Krieg gegen ihren eigenen Bruder, den spanischen König; auch in der Innenpolitik erwies sie sich als Verfechterin der vom persönlichen Feind Richelieu vorgezeichneten Staatsraison.
Bestärkt wurde der Widerstand des Parlaments durch konfessionelle Vorbehalte: Frankreich kämpfte vor allem an der Seite des lutherischen Schweden und des kalvinistischen Hessen-Kassel gegen das katholische Spanien und den katholischen Kaiser, für den dieser Krieg die letzte Phase eines nunmehr bereits dreißigjährigen Krieges (1618–1648) war. Vorbehalte gegen die Weiterführung des Krieges gab es auch deshalb, weil man meinte, er nutze vor allem den Finanzen Mazarins, und weil die lange Serie französischer und schwedischer Siege glauben ließ, der Friede sei schnell, günstig und leicht zu haben. Das war allerdings ein Irrtum, denn die Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück waren äußerst kompliziert. Mazarin wollte die wegen der vielen Kriegsschauplätze in Katalonien, Flandern und im Reich besonders teuren Feldzüge 1648 noch finanzieren, denn nach dem greifbar nahen Sieg und Frieden im Reich würde Frankreich nur noch mit Spanien Krieg führen müssen.
Weil die zur Durchsetzung der Innenpolitik der Regentin nötigen Armeen in den fernen Kriegsgebieten standen, spielte die Krone auf Zeit. In den monatelangen, zunehmend hitzigen Verhandlungen zwischen der Königinmutter und den Vertretern des Parlaments über dessen Rechte und über die Steuergesetze setzte sich im oppositionellen Justizapparat die Auffassung durch, es sei an der Zeit, den eigenen Status aufzuwerten und die Handlungsspielräume zu erweitern. Das Parlament und die anderen drei obersten Gerichtshöfe bildeten (aufgrund einer Abstimmungsmehrheit von 97 gegen 65 Stimmen) am 13. Mai 1648 eine gemeinsame beratende Versammlung. Das Parlament in England hatte vorgemacht, wie man Könige entmachten konnte, und eine Prise Republikanismus war für Mitglieder auch des Parlaments von Paris attraktiv. Anna von Österreich sprach Klartext und nannte die so unierten Gerichtshöfe «eine Art Republik in der Monarchie».
Im Sommer 1648 trat die neue Körperschaft, die Chambre Saint-Louis, zusammen, und mit den «27 Artikeln» wurde alsbald die Revision von 30 Jahren königlicher Politik vorgelegt: Abschaffung der Intendanten und außerordentlichen Kommissare, Abschaffung der Verpachtung von Steuern und Abgaben, Senkung der Kopfsteuer, Hoheit des Parlaments über das Steuerrecht, Verbot der Gefangensetzung ohne richterliches Urteil (das Äquivalent zum englischen habeas corpus), Bestand der Rechtskraft höchstgerichtlicher Urteile auch gegen den königlichen Willen, Schutz des Systems der Ämterkäuflichkeit usw. In diesem Modell einer konstitutionellen Monarchie fehlte etwas Entscheidendes: die Wahl der Mitglieder des Parlaments als Ausdruck der Repräsentation des Volkes. Obschon nur eine äußerst kleine Schicht wohlhabender Grundbesitzer die Abgeordneten zum englischen Unterhaus wählen durften, gab die Wahl doch eine gewisse demokratische Legitimität. Eine Stelle im Parlament dagegen konnte man ohne Wahl erwerben. Die vom Pariser Parlament aus ebenso nachvollziehbaren wie eigennützigen Gründen hochgehaltene Käuflichkeit und Erblichkeit der Ämter verhinderte, dass die Fronde der Gerichtshöfe demokratische Legitimität bekam.
Mit Blick auf den nahen Sieg über den Kaiser ließ Mazarin die Königin im Sommer 1648 immer weiter nachgeben und Ludwig XIV. am 31. Juli 1648 sein viertes Lit de Justice abhalten, das die Forderungen der Chambre Saint-Louis absegnete. Erst am Tag des Te Deum laudamus für den wichtigen Sieg Condés über die Spanier in der Schlacht von Lens, am 26. August 1648, ließ Anna von Österreich im Vertrauen auf die militärische Stärke der Krone drei Mitglieder des Parlaments von Paris verhaften. Einem gelang die Flucht, ein anderer wurde problemlos festgenommen, die Verhaftung des dritten aber, des populären Parlamentsrats Pierre Broussel (1575–1654), war Auslöser eines Volksaufstands.
Ludwig XIV. hatte den scharfen Wind der Fronde bereits deutlich verspürt, an seinem dritten und vierten Lit de Justice, an der Kühle der Reaktion auf seine anderen öffentlichen Auftritte, an seiner äußerst angespannten und vermehrt Nerven und Fassung verlierenden Mutter. Nun bot ihm die Fronde den Blick auf Barrikaden. Diese wurden, um etwaige Einsätze königlicher Truppen und Plünderungen gleichermaßen im Zaum zu halten, überall in der Stadt errichtet (ungefähr 1200 an der Zahl). Die königliche Familie wurde so ebenfalls festgesetzt, denn Barrikaden umgaben auch das Palais Royal.
Dieses Stadtpalais war von den königlichen Wachen gegen einen Angriff nicht zu verteidigen; die Plünderung des Stadtpalais des Herzogs von Luynes, in dem eine Menschenmenge den Kanzler Séguier gesucht hatte, verhieß nichts Gutes, und so gab Anna von...