Zwei Phasen kennzeichnen die Entwicklung des Nachhaltigkeitsbegriffs, die eng mit den Dimensionen der Nachhaltigkeit verbunden sind. Während zu Anbeginn der Nachhaltigkeit im Mittelalter die ökonomische Sichtweise im Vordergrund stand, gewannen während der zweiten Phase in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Sichtweisen der Ökologie und des Sozialen an Bedeutung[28].
Der erste Gedanke einer nachhaltigen Wirtschaft entstand in der mittelalterlichen Forstwirtschaft, wo bereits im Jahre 1144 ein elsässisches Kloster eine Forstordnung festlegte, nach welcher nur maximal soviel Holz geschlagen durfte, wie dauerhaft nachwachsen konnte[29]. Dieser Gedanke wurde 1713 in Sachsen erneut aufgegriffen, wo der Oberbergbauhauptmann von Carlowitz angesichts des durch den Silberbergbau gefährdeten Holzbestandes, der jedoch essentiell für den Fortbestand des Bergbaus war, ein Werk zur nachhaltigen Forstwirtschaft verfasste[30].
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert führte das vorangegangene Wirtschafts-wachstum zu sich verschärfenden Umweltproblemen.
Auch die durch Arbeit hervorgerufenen physischen und psychischen Schäden der Arbeitnehmer wurden öffentlich diskutiert, und die gesellschaftliche Akzeptanz des endlosen Wachstums nahm ab[31].
In den kommenden Jahrzehnten wurden die sozialen Probleme von den zunehmend deutlich wahrnehmbaren Konsequenzen der ökologischen Probleme, wie z.B. dem Waldsterben, in den Hintergrund gedrängt[32]. Der so genannte "Club of Rome" stellte 1972 in seinem Abschlussbericht „Die Grenzen des Wachstums“ die negativen Folgen des übermäßigen Ressourcenverbrauchs dar. Die United Nations hielten im gleichen Jahr die erste Umweltkonferenz in Stockholm ab, die in der ökologischen Berichterstattung resultierte[33]. Diese hatte zum Zweck, die von einem Unternehmen verursachten Umweltschäden, die jedoch nicht als Kosten übernommen werden, in Stoff- oder Energiebilanzen, Ökobilanzen oder Substanzbetrachtungen festzuhalten[34].
Der Begriff der Nachhaltigkeit, der zu jenem Zeitpunkt kaum noch geläufig war, wurde als Reaktion auf die gesellschaftlichen Ansprüche bezüglich der vor allem ökologischen, aber auch sozialen Problematiken, erneut aufgegriffen[35]. Im Jahr 1987 legte die UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung (nach ihrer Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland Brundtland-Kommission genannt) den Bericht "Our Common Future" vor, der die wohl bekannteste und politisch bedeutsamste Definition nachhaltiger Entwicklung vorstellte[36]. Zur Erläuterung des entwickelten Leitbildes der "Nachhaltigen Entwicklung" wird gewissermaßen der forstwirtschaftliche Ursprung verallgemeinernd herangezogen: nachhaltige Entwicklung befriedigt die Bedürfnisse gegenwärtiger Generationen, ohne zu bewirken, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen könnten[37]. Dieses Leitbild betonte nicht nur die Bedeutung der Gerechtigkeit zwischen Generationen, sondern auch die Bedeutung einer gerechten Verteilung innerhalb einer einzelnen Generation. Dieser Zusammenhang machte deutlich, dass auf Dauer keine der Komponenten des heute allgemein bekannten Drei-Säulen- oder Drei-Dimensionen-Modells bevorzugt oder benachteiligt werden durfte, sondern dass Ökonomie, Ökologie und Soziales langfristig in Einklang gebracht werden müssen. Die Betriebswirtschaft griff dieses Konzept auf und entwickelte das "magische Dreieck" der Nachhaltigkeit[38]. Die drei Dimensionen werden in Kapitel 2.2.2 näher betrachtet.
Im Jahr 1992 fand auf Grundlage des Berichts der Brundtland-Kommission in Rio de Janeiro die UNCED-Konferenz statt, die in der Verabschiedung der Agenda 21 und der Verpflichtung von 179 Regierungen, dem Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung zu folgen, mündete. Die angestrebte Konkretisierung der Aufgaben erwies sich jedoch als zu abstrakt für die einzelwirtschaftliche Praxis, weswegen die Übertragung des Leitbildes vorerst ausblieb[39]. Aufgrund dieses Umstandes wurden die gleichen Themen auf der Folgekonferenz in Johannesburg im Jahre 2002 erneut aufgegriffen, jedoch wurde die Nachhaltigkeitsdebatte durch den Nord-Süd-Konflikt der Industrie- und Entwicklungsländer gehemmt. Die zehn Jahre zwischen beiden Konferenzen brachten – trotz der in Deutschland verhältnismäßig hohen Grundsensibilisierung – einen Dringlichkeitsverlust des Umweltschutzes mit sich, und soziale Probleme rückten stärker in die Aufmerksamkeit der Gesellschaft. An der Umsetzung der Nachhaltigkeit und der Balance aller drei Nachhaltigkeitskomponenten arbeiten seit der Konferenz von Rio de Janeiro zahlreiche Initiativen, in denen Regierungen, Nicht-Regierungsorganisationen und oder Verbände tätig sind. Beispiele für solche Initiativen sind der 1999 auf Vorschlag des UN-Generalsekretärs Annan in Davos gegründete Global Compact, der "World Business Council for Sustainable Development" (WBCSD) oder die auf Erstellung eines Leitfadens für die Nachhaltigkeitberichterstattung ausgerichtete "Global Reporting Initiative" (GRI)[40].
Wenngleich nachhaltiges Wirtschaften zu den wesentlichen aktuellen und zukünftigen Herausforderungen für Unternehmen zählt[41], existieren über das Wesen der Nachhaltigkeit an sich sowohl zwischen Wissenschaft und Praxis als auch innerhalb der Wissenschaft erhebliche Interpretationsdifferenzen[42]. Dieses Kapitel soll einige der Herangehensweisen betrachten sowie den für diese Arbeit zugrunde liegenden Ansatz genauer darstellen. Hierbei soll angesichts der großen Menge von Definitionsversuchen der Nachhaltigkeit[43] kein Anspruch auf Voll-ständigkeit erhoben werden.
Die Definition des Begriffs der Nachhaltigkeit läßt sich in zwei Definitionspfade oder Perspektiven unterteilen.
Aus der rationalen Perspektive wird das Wesen der Nachhaltigkeit als ökonomische Rationalität der Substanzerhaltung verstanden, der zu Folge ein Wirtschaftssubjekt, um dauerhaft wirtschaften zu können, die vorhandenen Mittel effektiv einsetzen und seine Mittelbasis erhalten sollte[44].
Aus der normativen Perspektive hingegen stellt Nachhaltigkeit eine Metapher für globale Gerechtigkeit dar, die aus der Definition Nachhaltiger Entwicklung durch die Brundtland-Kommission gewonnen wurde[45].
Beide Perspektiven werden eingehender im Kapitel 2.2.3 behandelt.
Innerhalb der Nachhaltigkeitsdiskussion liegen unterschiedliche Auslegungen des Grundverständnisses von Nachhaltigkeit vor, wobei zwischen schwacher, (kritischer) ökologischer und strikter Nachhaltigkeit unterschieden wird.
Die Interpretation schwacher Nachhaltigkeit geht davon aus, dass zum einen die Bedürfnisse zukünftiger Generationen nicht bekannt sind, und dass es zum anderen unerheblich ist, ob es sich bei dem zwischen den Generationen weitergegebenen Kapital um natürliches oder menschgemachtes Kapital handelt, da sich natürliches Kapital weitestgehend durch technisches Kapital substituieren ließe.
Die Interpretation der strikten Nachhaltigkeit negiert hingegen diese Substituierbarkeit, was zur Folge hat, dass laut dieses Ansatzes nicht-regenerative Ressourcen nicht und regenerative Ressourcen nur innerhalb ihrer Regenerationskapazität genutzt werden dürften.
Der Ansatz, der in der Nachhaltigkeitsdiskussion dominiert, ist der der (kritischen) ökologischen Nachhaltigkeit, der anerkennt, dass notwendigerweise kurz- bis mittelfristig natürliche Ressourcen substituiert werden müssen, dass jedoch ein kritischer Bestand an natürlichen Ressourcen nicht unterschritten werden dürfe[46].
Begriffe, die zu Unrecht häufig synonym mit Nachhaltigkeit verwendet werden, wie z.B. Umweltschutz, sind oft dem Umstand geschuldet, dass die bisher vorliegenden Definitionen zumeist sehr offen gestaltet sind, sodass eine gewisse Beliebigkeit entstand, die viele Interessensgruppen für ihre Zwecke benutzt haben. Dieser Entwicklung entgegenwirken sollen Konzepte, die Nachhaltigkeit operationalisieren, wie z.B. das 3-Säulen-Modell, in dem Nachhaltigkeit aus der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension gebildet wird[47], die im folgenden Kapitel näher betrachtet werden.
Die Ausdrücke 3-Säulen-Modell oder auch "Triple Bottom Line" werden in Fachkreisen zur Betonung der Gleichberechtigung der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit benutzt. Ein Unternehmen soll demzufolge nicht nur sein ökonomisches Ergebnis betrachten, sondern auch Bilanz für soziale und ökologische Konsequenzen seiner Tätigkeiten ziehen.
Abbildung 1: Dimensionen der Nachhaltigkeit
Quelle: Karstens, B., Vom Öko- zum...