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Wodurch entsteht Asthma?
Wenn Sie Ihren Arzt fragen, wodurch Asthma entsteht, dann wird seine Antwort lauten: »Ich weiß es nicht.« Die Hygiene-Hypothese geht davon aus, dass die Menschen aufgrund besserer Lebensbedingungen während ihrer Kindheit nicht mehr so vielen Infektionen ausgesetzt sind. Daher trete Asthma in den reichen Industrienationen immer häufiger auf.1 Allerdings ist diese Hypothese umstritten. Untersuchungen in reichen Ländern haben gezeigt, dass Asthma häufiger in Bevölkerungsschichten mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status vorkommt.2 Diese sozioökonomischen Unterschiede beim Auftreten von Asthma bestätigen die Tatsache, dass es vor allem Umweltfaktoren sind, die eine Rolle in der Entwicklung der Krankheit spielen – und nicht der Hygienestatus.3
»Das geräuschvolle und ›schwere‹ Atmen eines Asthmatikers wurde immer als das Zeichen einer Krankheit angesehen. Niemand hat jemals geahnt, dass dieses schwere Atmen der Grund des bronchialen Asthmas ist und dass eine schwerere Atmung die Symptome der Krankheit erst auslöst.«
Dr. med. K. P. Buteyko
Welche Umweltfaktoren sind relevant und wie verursachen sie Asthma?
Wenn wir wohlhabender werden, verändert sich unser Lebensstil. Das hat einen wesentlichen Einfluss auf unsere Art zu atmen. In unserem modernen Leben essen wir mehr industriell verarbeitete Lebensmittel. Wir essen zu viel, treiben weniger Sport, sind vermehrt Stress ausgesetzt und haben in unseren Häusern und Wohnungen höhere Temperaturen.
Heutige Berufe sind meist im Dienstleistungssektor angesiedelt. Dadurch erhalten Menschen recht wenig Möglichkeit zur Bewegung und viele Arbeitsstunden sind nur mit Gesprächen gefüllt. Zusätzlich sind wir durch Fitnessstudios, den Sportunterricht, Stress-Beratungsdienste und sogar durch das westlich geprägte Yoga dem irrtümlichen Glauben ausgeliefert, dass tiefes Atmen Vorteile habe.
Der moderne, westliche Lebensstil hat eine immense Auswirkung auf unsere Atmung: Er verstärkt sie.
Im gesamten Buch werde ich Begriffe wie Überatmen, chronisches Hyperventilieren und schweres Atmen verwenden. Diese Bezeichnungen meinen alle die gleiche Sache und sind der Schlüssel, um die Ursachen von Asthma und Rhinitis zu erklären.
Was ist Überatmen oder chronisches Hyperventilieren?
Wenn ich Ihnen sagen würde, dass Sie sich überessen, dann würden Sie sofort verstehen, was ich meine. Überessen bedeutet, dass man mehr Essen zu sich nimmt, als der Körper tatsächlich benötigt. Genauso bedeutet Überatmen, dass wir mehr Luft einatmen, als wir benötigen. Sie denken vielleicht, dass das auf Sie nicht zutrifft. Doch ganz oft bemerkt man dieses Überatmen gar nicht.
Hier ist eine Liste mit typischen Anzeichen für eine chronische Hyperventilation. Ich sehe sie oft bei Menschen, die in meine Klinik kommen. Wie viele davon treffen auf Sie zu?
Atmung durch den Mund
Geräuschvolles Atmen während einer Ruhepause
Regelmäßiges Seufzen
Regelmäßiges Schniefen
Unregelmäßiges Atmen
Aussetzen des Atems (Apnoe)
Langes Einatmen vor dem Sprechen
Tiefes Gähnen
Atembewegungen des oberen Brustkorbs
Viele sichtbare Atembewegungen
Angestrengtes Atmen
Schweres Atmen während der Nacht
Normales Atemzugvolumen: Die Anzahl an Atemzügen bei normaler Atemfrequenz beträgt zehn bis zwanzig pro Minute. Jeder Atemzug umfasst rund 500 Milliliter. Dies ergibt ein gesundes Volumen von fünf bis zehn Litern Luft pro Minute – so wird es auch in jedem medizinischen Lehrbuch beschrieben.
Das typische Atemzugvolumen eines Asthmatikers: Die Anzahl an Atemzügen eines typischen Asthmatikers liegt bei fünfzehn bis zwanzig pro Minute. Jede Einatmung neigt dazu, tiefer als normal zu sein. Sie kann 700 Milliliter bis einen Liter umfassen. Dies ergibt ein Volumen von zehn bis zwanzig Litern Luft pro Minute. Mehrere Versuche bestätigten, dass der durchschnittliche Asthmatiker pro Minute 14,1 Liter Luft einatmet.4 Andere Studien ergaben ein Volumen von fünfzehn Litern5 beziehungsweise zwölf Litern.6 Dieses schwere Atmen besteht nicht nur kurzzeitig, sondern es ist chronisch. Das heißt, es geschieht jede Minute, jede Stunde, jeden Tag.
Menschen mit Asthma, COPD und anderen Atemwegsbeschwerden atmen also zwei- bis dreimal mehr ein, als nötig ist. Vergleicht man dies mit Essen, würden sie etwa sechs bis zehn Mahlzeiten pro Tag zu sich nehmen.
Warum überatmen wir?
Es gibt viele Gründe dafür, dass man überatmet. Nicht alle Gründe treffen auf jeden Menschen zu. Die folgenden sieben Faktoren sind in hochentwickelten und wohlhabenden Ländern besonders häufig. Das erklärt, warum Asthma und Rhinitis dort so oft auftreten.
Ernährung: Zu viel zu essen erhöht das Atemzugvolumen, denn der Körper benötigt mehr Energie, um die zusätzliche Nahrung zu verarbeiten. Zudem sind industriell verarbeitete Lebensmittel meistens säurehaltig. Der Körper bemüht sich darum, den korrekten pH-Wert des Blutes dennoch zu erhalten. Daher wird die Atmung verstärkt, um mehr Kohlendioxid (CO2) loszuwerden.
Sprechen: Während wir reden, kommt es zwischen langen Sätzen zu tiefen Atemzügen. Menschen, die im Verkauf, Call Center oder der Lehre arbeiten, wissen aus eigener Erfahrung, wie müde und erschöpft sie sich nach mehreren Tagen pausenlosen Sprechens fühlen.
Stress: Anspannung ruft Flucht- oder Angriffsreaktionen hervor. Wir reagieren auf den Stress des modernen Lebens genauso, wie wir vor Tausenden von Jahren auf ein Raubtier reagiert haben, das plötzlich vor uns auftauchte. Wenn jemand einem Raubtier gegenüberstand, hatte er entweder die Wahl zu kämpfen oder so schnell wie möglich zu fliehen. Die Atmung verstärkt sich automatisch, um uns auf diese körperliche Aktivität vorzubereiten.
Sitzende Lebensweise: Wenn wir unsere Muskeln bewegen, werden größere Mengen an CO2 produziert, das für die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff benötigt wird. Heutzutage führt ein Mangel an Sport zu einer geringeren Menge an CO2. Der Organismus reagiert mit verstärkter Atmung, um das Sauerstoffdefizit auszugleichen. Vor fünfzig Jahren war es noch normal, sich vier Stunden am Tag körperlich zu betätigen. Im 21. Jahrhundert aber können sich viele Menschen glücklich schätzen, wenn sie pro Tag auf eine halbe Stunde Bewegung kommen.
Fehlinformation: Der Irrglaube, es sei gut, heftig zu atmen, wird nicht selten von Stressberatern, Fitnesscoaches, Trainern und Medienarbeitern verbreitet, die nicht richtig über das optimale Atemzugvolumen informiert sind. Sie ermutigen ihre Klienten oft, heftig einzuatmen, um den Körper mit mehr Sauerstoff zu versorgen. Dabei wird fälschlicherweise angenommen, dass ein heftiger Atemzug ein tiefer Atemzug sei. Babys atmen tief, man kann dies an den Bewegungen des Bauches erkennen. Ein heftiger Atemzug hingegen wird oft durch den Mund genommen, dabei bewegt sich normalerweise der obere Brustkorb. Diese zwei Atemarten sind also vollkommen unterschiedlich.
Asthma: Wenn sich die Atemwege zusammenziehen, meinen wir zu ersticken. Wir wollen dies Gefühl loswerden und atmen automatisch mehr. Allerdings ziehen sich dann die Atemwege nur noch weiter zusammen: Es entsteht ein Teufelskreis. Ich werde Ihnen später eine sehr sanfte Übung zeigen, um diesen zu durchbrechen.
Höhere Temperaturen: Unsere Häuser und Arbeitsplätze sind heutzutage in der Regel gut gedämmt und beheizt. Das vermehrt das Atmen, denn wir sind zu gut angezogen, um unsere Körpertemperatur über die Haut zu regulieren. Dadurch versucht der Körper, die Temperatur auf eine andere Weise zu regulieren – nämlich über die Atmung.
Die genetische Veranlagung beeinflussen
Man könnte meinen, dass heutzutage der gleiche Prozentsatz der Bevölkerung genetisch bedingt zu Asthma neigt, wie es früher der Fall war. Doch wir haben uns über Tausende von Jahren entwickelt. Obwohl die frühesten Berichte über Asthma bis zu den alten Ägyptern zurückgehen, betraf die Erkrankung damals nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: So stieg in den USA die Zahl der Menschen, die nach Selbstangaben unter Asthma leiden, zwischen 1908 und 1996 um 74 Prozent an.7
Unser modernes Leben führt dazu, dass sich unsere Atmung tiefgreifend verändert. Die Auswirkungen dieser Überatmung hängen von der genetischen Veranlagung ab. Wenn Sie das »Asthma-Gen« in sich tragen und überatmen, dann werden Sie Asthma entwickeln. Wenn Sie andererseits eine familiäre Veranlagung zu Asthma haben, aber nicht...