Einleitung
Am 6. Februar 1971 starb in New York Julie Braun-Vogelstein, eine deutschjüdische Kunsthistorikerin, die 1935 Berlin verlassen musste und seit 1937 in den USA lebte. Sie hinterließ dem Leo-Baeck-Institut in New York einen Nachlass an Familienkorrespondenzen, der heute mit über elf Regalmetern den größten Einzelnachlass des Archivs und Forschungsinstituts darstellt. Dazu zählte auch die Korrespondenz der Familie Lily, Heinrich und Otto Braun, ein Briefwechsel, an dem Julie Vogelstein seit 1914 selbst teilgenommen hatte. Die ersten Briefe, die ich in den 1980er Jahren aus diesem Nachlass einsah, waren die von Lily Braun, der bekannten Feministin, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine sozialdemokratische Dienstbotenbewegung ins Leben gerufen hatte. Da ich über Dienstmädchen promovierte, interessierte mich, welche Rolle diese im Privatleben der Aktivistin eingenommen hatten. Ich tauchte also in den umfangreichen Briefwechsel des Ehepaars Lily und Heinrich Braun ein und plante, irgendwann eine Geschichte dieser interessanten und mit ca. 4000 Briefen ungewöhnlich dicht dokumentierten Beziehung zu schreiben. Dazu kam es zwar nicht. Aber ein (scheinbar) bescheideneres Vorhaben stellte die Geschichte der Familie Braun im Ersten Weltkrieg dar, nachdem ich festgestellt hatte, dass die betreffende, Julie Vogelstein einschließende Korrespondenz mit ca. 2000 Briefen fast vollständig erhalten ist und von dem Sohn Otto, der sich bei Kriegsausbruch freiwillig gemeldet hatte, sieben Kriegstagebücher vorhanden sind, die zusammen einen Umfang von ca. 1000 Heftseiten haben. Bei gelegentlichen New-York-Besuchen las ich die Kriegsbriefe meiner vier Protagonisten und die Kriegstagebücher, später konnte ich im Jüdischen Museum Berlin den verfilmten Bestand lesen. Erst in den vergangenen zwei Jahren hatte ich, dank eines Forschungsstipendiums der Gerda-Henkel-Stiftung, der freundlichen Einladung an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und der Großzügigkeit meiner Kolleginnen und Kollegen an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg die Möglichkeit, mich intensiver mit dieser Familie im Krieg zu befassen.
Die Arbeit mit sogenannten Egodokumenten ist eine besonders intensive, intime Form der Quellenlektüre. Ich war mir der Indiskretion meines Tuns bewusst – und der persönlichen Nähe, die ich damit zu meinen Protagonisten entwickelte. Diese Nähe war verführerisch, aber nicht immer angenehm, denn es handelte sich bei »meiner« Familie keineswegs um Personen, mit denen ich mich identifizieren wollte oder konnte. Dennoch war die Möglichkeit, durch diesen einzigartig dichten Briefwechsel dem Leben und den Geheimnissen der vier Personen auf die Spur zu kommen, sehr attraktiv. Als ich allerdings zu Beginn meiner Recherche in New York einmal unverhofft in einem geöffneten Briefumschlag eine mit einem Wollfaden zusammengebundene dunkle Haarlocke und die beiliegende Notiz: »Mamas Haare« fand, war ich fast erschrocken. Heinrich Braun hatte die Locke wohl seinem Sohn nach dem plötzlichen Tod der Mutter übergeben. Es war eine aufregende, aber auch unheimliche Erfahrung, diese Locke in der Hand zu halten. Wie nah wollte ich dieser und den anderen Toten eigentlich kommen? Nah genug jedenfalls, um mich durch ihr Leben und Sterben im Krieg beeindrucken und berühren, aber auch befremden zu lassen. Denn je mehr ich las, und je ratloser mich die Lektüre gelegentlich zurückließ, desto besser konnte ich meine Korrespondenten dennoch »verstehen«, ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen nachvollziehen. Ich versuchte, für sie jene Empathie zu entwickeln, die gerade keine Identifizierung, sondern die Fähigkeit zur Distanz einschließt: die Kernkompetenz der Geschichtswissenschaft.
Ich wollte eine Geschichte erzählen, die nicht nur für professionelle Historiker oder gar für Experten des Ersten Weltkriegs interessant und lesbar sein würde. Am Beispiel von damals prominenten, heute eher vergessenen Personen wollte ich zeigen, wie der Krieg in das Leben von Menschen einbrach, die ihn nicht erwartet oder ersehnt hatten, ihn aber dennoch freudig annahmen. Ich wollte verstehen und verständlich machen, welche Emotionen der Kriegsausbruch auslöste, wie er Menschen scheinbar plötzlich verwandelte und ihre Leben völlig veränderte; aber auch, welche sozialen Zwänge wirksam wurden, die ihnen scheinbar gar keine andere Wahl ließen, als an diesem Krieg nicht nur äußerlich teilzunehmen. Schließlich sollte erklärt werden, warum Menschen auch dann noch den Krieg annahmen und freiwillig mitmachten, als seine Grausamkeit, seine Sinnlosigkeit und seine Aussichtslosigkeit eigentlich nicht mehr geleugnet werden konnten. Wie ich an meinem Beispiel zeigen kann, waren hierfür weniger politische oder ideologische Beweggründe entscheidend, als vielmehr die Hoffnung, unter den Bedingungen des Krieges das Leben besonders intensiv erfahren und fühlen zu können, Hass ebenso wie Liebe, Angst ebenso wie Geborgenheit in einer erstarkten Gemeinschaft. In diesem Sinne eröffnete der Krieg ungeahnte Möglichkeiten: der Abenteuer, der Bewährungen, der Persönlichkeitsentwicklung bis hin zur Neuerfindung des Selbst; aber auch die Chancen der Vertiefung und Beschleunigung von Beziehungen. Das Leben miteinander schien nun zugleich klarer und inniger zu werden. Dass an solchen Hoffnungen und Gefühlen trotz ihrer Enttäuschung festgehalten werden konnte, zeigen die Briefe, die dieser Geschichte zugrundeliegen, ebenso wie den immer mühsameren Alltag und das zunehmende Grauen des Krieges. Erlebt und beschrieben wird das alles von einer Familie aus dem bildungsbürgerlichen Milieu Berlins. Dieses Milieu war schon vor dem Krieg äußerst facettenreich. Die Brauns hatten Berührungspunkte zu sozialistischen, liberalen und liberalkonservativen politischen »Lagern«. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten Menschen aus der protestantisch und der jüdisch geprägten Kultur, bildungs- und wirtschaftsbürgerlicher, adliger und kleinbürgerlicher Herkunft. Urbaner Lebensstil, Luxuskonsum und lebensreformerische Ideale überlagerten sich ebenso wie geschmacklichkulturelle Ausrichtungen an Klassik, Klassizismus, Naturalismus und Impressionismus – wobei die Brauns vor der heute als klassische Moderne bezeichneten Avantgarde der Vorkriegskultur entschieden Halt machten. Ähnlich zeigte sich die Gemengelage auch im Braun’schen Bekanntenkreis, wo aber keineswegs gleichförmig auf den Krieg reagiert wurde. Auch in der Familie, um die es hier geht, gab es unterschiedliche Haltungen zum Krieg, subtile Konflikte, zähe Aushandlungen. Dennoch wurde der Krieg insofern zum entscheidenden Faktor in diesem etwas unübersichtlichen Milieu, als die meisten seiner Angehörigen im positiven Bekenntnis zu ihm die Voraussetzung sahen für die soziale Achtung, die ihnen zustand. Das hieß im Umkehrschluss: Ablehnung oder Zweifel gegenüber dem Krieg barg die Gefahr sozialer Ächtung. Das traf besonders die jungen Männer, aber auch deren Eltern.
Briefe und Tagebücher sind verführerische historische Quellen, weil sie neben der Lust an der Indiskretion auch Authentizität versprechen. Aber ein solches Versprechen können sie nicht einlösen. Ihr Quellenwert liegt vielmehr darin, dass sie die zeitnahe Deutung von Erlebtem durch den Schreiber enthalten, ebenso wie die jeder einzelnen Äußerung zugrundeliegende kommunikative Gestaltung dieser Deutung. Schließlich enthalten solche Texte auch Selbstentwürfe, denn sie sollen den Adressaten überzeugend zeigen, wer man sein will und wie man sich im Krieg bewährt. Bei der Familie Braun-Vogelstein kam hinzu, dass jedes Mitglied von seiner eigenen Bedeutung und derjenigen der anderen Korrespondenten überzeugt war – insofern stellen die Briefe (und Tagebücher) schon den Beginn der bewussten Selbsttradierung dar. Aus all diesen Gründen bedürfen die von mir benutzten Quellen der Einführung und der Interpretation. Beides dient nicht nur der Verfremdung, sondern auch der Einordnung in größere Zusammenhänge; insoweit aber die Texte durch ihre Fremdheit für uns heute den Zugang erschweren, versuche ich, sie durch interpretierende Reflektionen den Lesern näher zu bringen. Dass ich eine bloße Edition nicht in Erwägung gezogen habe, sondern meine eigene Geschichte erzählen wollte, hat nämlich nicht zuletzt den Grund, dass ich die Quellen vor der verständlichen Irritation der Leser beschützen möchte.
Meine Hoffnung, die Geschichte so zu erzählen, dass auch Nichtspezialisten sie mit Gewinn lesen können, gilt in gleicher Weise auch für Leser mit Expertenwissen. Denn die dichte Überlieferung ermöglicht es, die verschiedensten Spezialkenntnisse über die Militärgeschichte, die politische Geschichte, die Alltagsgeschichte, Kulturgeschichte, Mentalitätsgeschichte und die Erinnerungsgeschichte des Ersten Weltkriegs hier nicht nur wiederzufinden, sondern in ihrer Verknüpfung und persönlichen Verarbeitung am Beispiel einer kleinen, engen Gruppe in neuem Licht zu sehen. Den Anspruch, auf all diese Verknüpfungen explizit zu verweisen oder gar dem exzellenten Forschungsstand über den Ersten Weltkrieg Entscheidendes hinzuzufügen, erhebe ich zwar nicht – wohl aber den, eine neue Geschichte zu erzählen, deren...