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E-Book

Gustav Mahler

AutorWolfgang Schreiber
VerlagRowohlt Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783644200135
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis3,99 EUR
Gustav Mahler (1860-1911) hat als Dirigent und Komponist Musikgeschichte geschrieben. An der Wiener Hofoper, die er ein Jahrzehnt lang leitete, trat er kompromisslos für eine Reform der Opernbühne ein. Mit seinen Kompositionen, vor allem seinen Sinfonien und Liedern, wurde er zu einem der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Wolfgang Schreiber, geboren 1939, Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft, mehrere Jahre lang Kulturkorrespondent in Wien, publizistische Arbeiten für zahlreiche in- und ausländische Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten. 1978-2002 Feuilletonredakteur bei der 'Süddeutschen Zeitung' in München. Lebt als freier Publizist in München und Berlin.

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Leseprobe

Jugend und Studium


Die «Reichshaupt- und Residenzstadt Wien» wird den Provinzler Gustav Mahler gefesselt haben. Wien war in der zweiten Jahrhunderthälfte endgültig Weltstadt geworden. Allein der imposanten, verschwenderisch angelegten Ringstraße um die innere Stadt mit ihren Repräsentativbauten Oper, Burgtheater, Universität, Rathaus, Parlament und Museen, gewiss eine der schönsten Prachtstraßen der Welt, musste man Bewunderung zollen. «Und in der Vorstadt diese kleinen, gelben Häuser aus der Kaiser-Franz-Zeit, mit staubigen Vorgartln, diese melancholischen, spießbürgerlichen, unheimlichen kleinen Häuser», wie Hugo von Hofmannsthal einmal schwärmte – diese Wiener «Verhältnisse» waren stets «heimisch und doch großartig» (Richard Wagner). Das Jahr 1873 hatte den Wienern die Weltausstellung gebracht, hatte zeitweise fast alle gekrönten Häupter Europas hier versammelt.

Wien war Zentrum und «Drehscheibe eines großen Reiches», und der Kaiser dieses buntscheckigen Österreich-Ungarn war «Gebieter über fünfzig Millionen Menschen, die ihn in mindestens elf offiziellen Sprachen hochleben ließen oder auch verfluchten», ein wahres Völkerbabel – dieses «Kakanien» Robert Musils: «vielleicht doch ein Land für Genies, und wahrscheinlich ist es daran auch zugrunde gegangen». Nun – im Jahre 1875 hatte es mit dem «Zugrundegehen» noch gute Weile, doch Genies hatte es tatsächlich immer dort gegeben: Ehrentafeln verkünden noch heute den Ruhm von Malern, Dichtern und Musikern. Vor allem aber war die Stadt Mozarts, Beethovens und Schuberts damals, als Mahler sie betrat, die Stadt der fanatischsten Wagnerianer, die ihrem Meister, sooft er in Wien weilte, die heftigsten Ovationen bereiteten, zum Ärger aller Brahmsianer und des Kritikerpapstes Eduard Hanslick.

Nur wenige Schritte vom neuen Opernhaus am Ring entfernt, wo im Mai 1875 unter Franz Ritter von Jauner eine neue Ära begonnen hatte, lag ein für das Wiener Kulturleben höchst bedeutsames Gebäude: der 1870 eröffnete Musikverein mit seinem «Goldenen Saal», Sitz der Wiener Philharmoniker und der traditionsreichen «Gesellschaft der Musikfreunde», die damals auch noch über ein eigenes Konservatorium verfügte. Der «alte» Joseph Hellmesberger lenkte fast vier Jahrzehnte lang die Geschicke dieses Instituts und wusste stets hervorragende Lehrkräfte zu verpflichten. Nach dem Tod des bedeutenden Simon Sechter (1867) unterrichteten neben Anton Bruckner vor allem Robert Fuchs Harmonielehre, Franz Krenn Komposition und Kontrapunkt, Julius Epstein Klavier. Diesen drei Lehrern verdankte Mahler seine Ausbildung. Er fand in Julius Epstein seinen großen Gönner, der nach dem Probevorspiel auf dem Klavier ausgerufen haben soll: «Das ist der geborene Musiker!» Ab September 1875, so verrät uns die Matrikel des «Conservatoriums für Musik und darstellende Kunst der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien», absolvierte Mahler drei komplette Jahrgänge, ohne übrigens hier schon Vorlesungen Bruckners zu hören. Eine «Kapellmeister»-Ausbildung kannte man damals noch nicht. «Zu Mahlers Zeit galt musikalische Allroundbildung als Voraussetzung für die Kapellmeisterkarriere … Das bloße Taktschlagen war von untergeordneter Bedeutung.» So war zum Beispiel Arthur Nikisch Geigenabsolvent am selben Konservatorium gewesen, Hans Richter ausgebildeter Hornist.

Mahler erledigte den Lehrgang «förmlich in Sprüngen», erzählte später sein Studienfreund Guido Adler, und die Kommilitonen staunten ihn als «Wunder» an. Mitschüler und Freunde waren der hochbegabte und später dem Wahnsinn anheimgefallene Hans Rott, Bruckners Lieblingsschüler, den Mahler überaus schätzte, Rudolf Krzyzanowski, Anton Krisper und Hugo Wolf. Mit Wolf teilte Mahler zeitweise das Zimmer und war ihm kameradschaftlich zugetan. 1877 musste Wolf jedoch das Konservatorium verlassen. Alle waren glühende Wagnerianer, die in ihrer Verehrung für den Meister oft tagelang seine Musikdramen auf dem Klavier und mit Hilfe der Stimmbänder erdröhnen ließen.

Mit dem Vortrag einer Schubert-Sonate gewann Mahler gleich den Hauptpreis beim Wettbewerb des ersten Jahres. Nach dem dritten und letzten Jahr (Sommer 1878) erhielt er den ersten Kompositionspreis für das Scherzo eines Klavierquartetts, dessen Part er selbst spielte. Mit dem «vorzüglichen» Diplom konnte er zufrieden sein.

So wichtig der Erwerb des handwerklichen Rüstzeugs für den angehenden Musiker auch gewesen sein mag, großen inneren Gewinn scheinen ihm hauptsächlich die Kammermusikdarbietungen des Hellmesberger-Quartetts gebracht zu haben, und vor allem «der Vortrag der Quartette aus der letzten Periode Beethovens rief tiefere Eindrücke hervor als alles damals in Wien Gebotene und wirkte auch stilistisch auf alle Schüler der Komposition». Trotzdem bewahrte Mahler noch über Jahre hinaus seinen Lehrern, und besonders Epstein, der ihm immerhin den halben Freiplatz verschafft hatte, ein dankbares Andenken.

Die Behauptung von Robert Fuchs, «Mahler sei immer ausgeblieben», gewinnt zumindest teilweise Glaubwürdigkeit, da der Musikstudent des Konservatoriums zugleich externer Schüler am Gymnasium in Iglau geblieben war. Der Vater bestand auf der Reifeprüfung, die er dann im selben Sommer 1878 ablegte. Und wenig später immatrikulierte er sich an der Wiener Universität, wo er Kurse in Philosophie, Geschichte, Musikgeschichte und Musikästhetik belegte und, aller Wahrscheinlichkeit nach – in den beiden letztgenannten Fächern –, auch Vorlesungen des berühmten Brahms-Apologeten und Wagner-(und damit auch Bruckner-)Gegners Eduard Hanslick (1825–1904) hörte. Auch besuchte Mahler die Lehrveranstaltungen Bruckners (Harmonielehre und Kontrapunkt), «aber ein Lehrverhältnis kann man daraus bei dem Charakter dieser Vorlesungen, in denen sich Bruckner ganz anders gab als im Konservatorium, nicht ableiten. Bruckner kam meist mit Mahler in den Hörsaal und verließ ihn, von Mahler begleitet; wie denn der ehrwürdige Meister, nach Guido Adlers gutem Wort, Mahlers ‹Adoptiv-Lehrvater› genannt werden kann.» Bekannt ist die Episode vom Misserfolg der Erstaufführung von Bruckners Dritter Symphonie: Unter den wenigen Zuhörern, die von dem (Richard Wagner gewidmeten) Werk begeistert waren und dem völlig geschlagenen Komponisten applaudierten, befanden sich Krzyzanowski und Mahler, die daraufhin den vierhändigen Klavierauszug der Symphonie anfertigen durften. Bruckner bedankte sich, indem er Mahler die Partitur seiner «Dritten» zum Geschenk machte.

Mahler bekannte später: Bei Bruckner wird man durch Größe und Reichtum der Erfindung hingerissen, aber auch jeden Augenblick durch ihre Zerstücktheit gestört und wieder herausgerissen. Ich kann das sagen, da ich Bruckner trotzdem verehre, und was in meiner Macht steht, werde ich immer tun, daß er gespielt und gehört werde. Dieses Versprechen löste Mahler in reichem Maße ein. Vor allem in Prag und Hamburg war er ein Vorkämpfer für dessen Musik, und noch im Jahre 1910 setzte er für Bruckner eine ungewöhnliche Tat: Um die Herausgabe der Werke in einem Wiener Verlag zu ermöglichen, ließ Mahler sein eigenes Bankkonto mit 50000 Kronen belasten.

Nicht nur am Konservatorium, sondern auch auf der Universität scheint Mahler nicht allzu eifrig gewesen zu sein. Die Bemerkung, statt der Vorlesungen … den Wienerwald fleißig besucht, ist sicherlich überspitzt formuliert, doch wird er in diesen Jahren seinen Lesehunger reichlich gestillt haben. Mahler kannte später die Werke Kants und Schopenhauers, Goethes und Schillers, E.T.A. Hoffmanns und vor allem Jean Pauls, dessen Einfluss auf den Reifenden kaum unterschätzt werden kann: «Der Strom der Liebe aus diesem edelsten Herzen, seine feste, tiefe, philosophisch verankerte Frömmigkeit, sein hoher Humor und der Reichtum seiner Phantasie» kamen der Veranlagung des Zwanzigjährigen ideal entgegen. Auch entdeckte er damals die Seelenlandschaft Dostojevskijs, die ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr losließ.

Mahler scheint in diesen Jahren ein geselliger Mensch gewesen zu sein. Emil Freund, sein späterer Anwalt und Vermögensberater, Fritz Löhr, Archäologe und Adressat vieler vertrautester Jugendbriefe, Guido Adler, der bedeutende Musikwissenschaftler, der 1916 eine kleine Studie über Mahler veröffentlichte, sowie die bereits erwähnten Krzyzanowski, Rott und Wolf – das waren die damaligen Freunde. «Seine feurigen Reden, seine blitzende Gewandtheit des Geistes, die dämonische Kraft der Erkenntnis ist schon damals aufgefallen.» Man begreift auch, warum Mahler kein eifriger Opern-Besucher war, denn abgesehen davon, dass ihm dazu die Mittel fehlten, fehlte es ihm an Zeit. «Fast alle Opern, die er später im Dienste des Tages dirigieren, ‹herausbringen› mußte, so gut es ging, hat er erst in eigener Praxis kennengelernt. So konnte er original bleiben in der Auffassung.» Die Werke Richard Wagners wird er in den Partituren und Klavierauszügen studiert haben: «Er wollte sie als ‹reine Musik› erfassen … wollte die Szene nicht sehen, weil ihm der Klang genug war.» Mahler war zeitweise in seiner Wagner-Begeisterung Vegetarianer, der die moralische Wirkung dieser Lebensweise derart intensiv erlebte, dass er eine Regeneration des Menschengeschlechtes davon erwartete.

In einem Brief vom November 1880 heißt es: Mein Märchenspiel ist endlich vollendet – ein wahres Schmerzenskind, an dem...

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