„In der „Banalität des Alltags“ liegt die ständige Herausforderung des lesbischen Lebens! Hierüber gibt es sowohl in der Literatur als auch in theoretischen Diskursen viel zu wenig Äußerungen. Schließlich leben wir Lesben Alltag. (…) Wie gehen wir im Alltag mit unserem Lesbisch-Sein um? Sicherlich ist auch das (…) sehr unterschiedlich und abhängig von den jeweiligen konkreten Lebenszusammenhängen.“[93] Dieses Zitat aus dem Jahr 1989 stammt aus einer Zeit in der versucht wurde, den Alltag als Objekt der wissenschaftlichen Forschung neu zu konstituieren. Doch auch heute noch scheint es innerhalb der Lesbenforschung aktuell zu sein, da dort die Schwerpunkte einerseits in der Theorie (z.B. Kategorie Lesbe), andererseits auf den Diskriminierungserfahrungen lesbischer Frauen liegen. Die „Fokussierung auf Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen in der Darstellung lesbischer Frauen in der Öffentlichkeit“ hält auch Ulrike Hänsch für auffällig und problematisch. Sie stellt fest, dass die Sichtweise auf die Potenziale der Subjekte innerhalb der normativen Vorgaben im deutschsprachigen Raum als Forschungsperspektive noch nicht weit entwickelt ist. Dabei weist Hänsch auf die Möglichkeit hin, durch diese Perspektive Lesben eben nicht nur als „Opfer homophober Verhältnisse“ gesehen werden, sondern auch als „Akteurinnen sozialen Wandels“ und Gestalterinnen ihrer Lebensrealität entdeckt werden können.[94] Ich möchte mithilfe dieser Forschungsperspektive auf lesbische Frauen das Arbeitsleben als einen Teil des lesbischen Alltags betrachten und mittels eines empirischen Zugangs die Vielfalt der eigenen Gestaltung des Umgangs mit der lesbischen Lebensform am Arbeitsplatz beleuchten.
Der folgende Hauptteil meiner Arbeit setzt sich zunächst mit methodischen und organisatorischen Überlegungen zu Konzeption, Durchführung und Auswertung der Interviews auseinander (Kapitel 4). Im Anschluss daran wird Kapitel 5 einen Überblick der Ergebnisse alle Interviews einschließen, während in Kapitel 6 drei ausgewählte Fallbeispiele vorgestellt werden.
„Qualitative Forschung hat den Anspruch, Lebenswelten „von innen heraus“ aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben. Damit will sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen.“[95] Dieses Zitat aus der Einleitung zum „Handbuch Qualitative Forschung“ drückt deutlich die Zielsetzung auch meiner Arbeit aus. Wie bereits im Überblick über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität am Arbeitsplatz gesehen, waren die meisten Studien bisher quantitative Forschungen, die das Themengebiet mittels Fragebogenanalysen erschlossen haben. Des Weiteren bezogen sich die Forschungsschwerpunkte meist auf die Diskriminierungserfahrungen der Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz, nicht jedoch auf die Gründe und Handlungsmotivationen der Befragten, sich im Arbeitsleben so zu verhalten, wie sie es tun. Das quantitative Vorgehen der verschiedenen Studien erbrachte zum Teil auch über die Jahre hinweg (im Ansatz) vergleichbares Zahlenmaterial, verhinderte jedoch eine subjektorientierte Sichtweise und damit einen genaueren Blick auf die Handlungsspielräume der Befragten und deren Arten und Weisen, diese auszunutzen. Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, lesbische Realitäten im Arbeitsleben aus Sicht der handelnden Frauen zu beschreiben und so verschiedene Handlungsmöglichkeiten und Varianten des Umgangs mit der eigenen Lebensform am Arbeitsplatz aufzuzeigen. Dafür eignet sich eine qualitative Herangehensweise besonders gut, zumal sich diese weniger als starre Methodenvorgabe darstellt, sondern die Prozesshaftigkeit der Methode und ihre Abhängigkeit von Forschungsgegenstand, Zielsetzung, Material und Ressourcen des / der Forschenden betont wird.[96] Aus der Vielzahl der vorgeschlagenen Möglichkeiten der qualitativen Forschung habe ich mich für vergleichende Fallanalysen mittels themenzentrierter Interviews entschieden. Der teilstandardisierte Fragebogen begann mit der offenen Eingangsfrage nach dem Berufsweg der Befragten, was zu ausführlicherem Erzählen aufforderte. Diese Vorgehensweise bot zwei Vorteile: zum einen war es mir in der späteren Auswertung möglich zu sehen, ob und wie die Interviewten ihre Lebensform bereits in die allgemeine Frage nach dem Berufsweg einbeziehen, zum anderen stellte die Form der Frage gleich zu Anfang des Interviews den Rahmen für die Gespräche her und nahm den Frauen die Befürchtungen vor einem Frage-Antwort-Spiel. Die anschließenden Fragen des Leitfadens hatten ausschließlich einen offenen Charakter, um zum Erzählen über die Themenkomplexe Umgang mit der lesbischen Lebensform im Privat- und im Arbeitsleben anzuregen. Der gesamte Leitfaden (Anlage 1) sollte einerseits dazu beitragen, die Interviews vergleichbar zu machen, andererseits auch mir als Interviewerin die Sicherheit geben, alle wichtigen Themen im Laufe des Gespräches anzusprechen.
4.2 Feldzugang und Untersuchungsgruppe
Um Interviewpartnerinnen für diese Arbeit zu finden, setzte ich das Internet als Medium ein, damit ich mit meiner Anfrage möglichst viele Frauen erreichen konnte. In einem Lesbenforum ordnete ich mich einer Hamburger Gruppe zu und schrieb meine Anfrage als Sammelmail an alle – zu diesem Zeitpunkt – 180 Mitglieder dieser Group. Diese Mail enthielt einige Informationen über meine Person, den Titel meiner Arbeit und mein Interesse daran. Auch die Zusicherung, dass die Daten anonymisiert werden und natürlich meine Kontaktdaten waren in der Mail enthalten. Des Weiteren hatte ich in der Anfrage von vornherein Berufe wie Lehrerin, Sozialarbeiterin, Krankenschwester und Arzthelferin mit der Begründung ausgeschlossen, dass in diesen Professionen der Kontakt zu Schülerinnen und Schülern, Eltern, Klientinnen und Klienten sowie Patientinnen und Patienten im Vordergrund steht und ich den Schwerpunkt meiner Arbeit eher auf den Umgang innerhalb des Kolleginnen- und Kollegenkreises legen wollte. Da ich aufgrund der Art und des Umfangs dieser Arbeit nur eine relativ geringe Anzahl von Interviews führen konnte, beabsichtigte ich, die Gruppe in Bezug auf ihre Arbeitsplätze möglichst homogen zu gestalten.
Auf diese Sammelmail bekam ich ca. 18 Rückmeldungen mit der Bereitschaft, sich interviewen zu lassen. Aus diesen suchte ich nach folgenden Kriterien meine potenziellen Interviewpartnerinnen aus: Sie sollten mindestens 20 Jahre alt sein, um schon die Möglichkeit gehabt zu haben, Erfahrungen im Berufsleben zu sammeln. Sie sollten in einer Vollzeitbeschäftigung in einer Firma mit mehr als 4 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tätig sein und aus dem Einzugsgebiet Hamburg kommen. Mit acht Frauen nahm ich Kontakt auf und machte Termine für die Interviews.
Nachdem die meisten dieser acht Interviews geführt waren, stellte ich fest, dass ich keine Frau interviewt hatte, an deren Arbeitsplatz niemand von ihrer Lebensform weiß. Um aber in meiner Arbeit die Bandbreite lesbischer Realitäten am Arbeitsplatz darstellen zu können, wollte ich unbedingt eine Frau mit dieser Form des Umgangs mit der eigenen Lebensform am Arbeitsplatz befragen. So schrieb ich erneut eine Anfrage an die Hamburger Group und stellte mein Anliegen dar. Aus der Resonanz des zweiten Aufrufs nahm ich aufgrund der Branche noch eine neunte Interviewpartnerin in mein Sample auf. Jule hatte geschrieben: „Eine Kollegin weiß zwar Bescheid, aber als Umwelttechnikerin arbeite ich im Entsorgungsbereich fast nur mit Männern zusammen und eben auch in einer Branche, in der man das Outen besser sein lässt“. Eine komplett nicht offen lebende Frau meldete sich jedoch auch auf die zweite Anfrage nicht. Ich vermute, dass in der Anonymität des Internetforums auch Frauen, die ihre Lebensform nicht offen leben (können), aktiv sind, sie jedoch diese Anonymität durch eine Kontaktaufnahme mit mir aufgegeben hätten und dazu aus Vorsicht nicht bereit waren.
Der Kontakt zu Katja, an deren Arbeitsplatz niemand weiß, wie sie lebt, kam dann über Bekannte zustande und nach einem gemeinsamen Treffen mit den Bekannten zum gegenseitigen Kennen Lernen erklärte sie sich zu einem Interview bereit.
Sieben der Interviews wurden bei mir zu Hause geführt, drei in den Wohnungen der Interviewpartnerinnen. Alle Treffen fanden am frühen Abend statt, begannen mit einem lockeren Small Talk und zeichneten sich durch eine entspannte Atmosphäre aus. Die Interviews selber dauerten zwischen einer halben und eineinhalb Stunden und waren durch eine sehr große Offenheit geprägt. Die Bereitschaft, einer bis zum Interviewtermin völlig fremden Person tiefe Einblicke in das eigene Leben und die Gefühlswelt zu geben, führe ich auf mehrere Faktoren zurück: Zum einen spielte der Weg der Kontaktaufnahme eine große Rolle. Da ich die meisten der Interviewpartnerinnen über ein lesbisches Internetforum gewonnen habe, war ihnen klar, dass ich mit der Lebensform vertraut bin. Zum anderen habe ich ihnen im Vorfeld über meinen Lebensweg erzählt, so dass sie wussten, dass ich auch Erfahrungen in...