Wissen ist nicht genug – wir müssen Wissen anwenden können. Der Wille allein reicht nicht – wir müssen handeln.
Bruce Lee
Immer wieder propagieren manche Selbstverteidigungstrainer, wie die »klassische Straßenschlägerei« abläuft. Das kann man aber nur beurteilen, wenn man selbst bereits Zeuge oder sogar Teilnehmer war. Hier denke ich, wird immer etwas geflunkert und auch teilweise nur theoretisches Wissen verbreitet, das irgendwo abgelesen wurde.
Meine Meinung dazu ist, dass es keinen genauen Ablauf der klassischen Straßenschlägerei gibt, nach dem man sich richten könnte. Es fallen lediglich relativ häufige Muster auf. Die kann man sich zunutze machen, wenn man sie denn kennt. Das dürfte aber bei nur wenigen Menschen der Fall sein, denn es »schlägt« sich ja nicht jeder tagtäglich durchs Leben. Ich zum Glück auch nicht. Es wäre also falsch zu behaupten, dass Konfrontationen auf der Straße generell nach dem gleichen Muster ablaufen. Zu viele Parameter spielen in die individuelle Situation mit ein, weswegen eine Vereinheitlichung hier sehr vermessen wäre. Fakt ist: Man kann Kämpfe grob in drei Abschnitte einteilen: vor, während und nach dem Kampf.
Vor dem Kampf
Das ist das Stadium, bevor es losgeht. Dort werden die meisten »Fehler« der Opfer begangen, weswegen es dann auch zum eigentlichen Kampf kommt. Signale werden missachtet oder nicht eindeutig verstanden, die mentale Vorbereitung fehlt, die eigene Mimik und Gestik oder die des Gegners wird nicht richtig interpretiert, oder man starrt den Gegner an, und in manchen Fällen brockt einem das vielleicht zu groß geratene Ego dann den restlichen Ärger ein. Das passiert zudem schnell, wenn man eine große Klappe hat, dem Aggressor die falschen Antworten gibt oder sich in Konflikte einmischt, die einen gar nicht betreffen. Manchmal ist es auch besser, einfach den Mund zu halten, denn egal was man sagt, es wäre sowieso das Falsche!
Vor dem Kampf nähert sich der Gegner bis auf eine passende Reichweite, denn er plant ja, Ihnen einen Schlag oder Tritt zu versetzen. Und dass dies nicht aus 5 Metern Distanz geschehen kann, dürfte klar sein. Er muss Sie also physisch erreichen können.
Häufig kann man auf Volksfesten, Schulhöfen oder in Diskotheken beobachten, wie sich zwei Streithähne erst gegenseitig verbal »anmachen« und dann aufeinander zugehen. Mit schwellender Brust, wie man es aus dem Tierreich kennt, treffen die beiden aufeinander und posieren mit ausgestreckten Armen und zum Gegner hinzeigenden fordernden Handflächen. Bei den Spezialisten unter diesen Kandidaten berühren sich beide noch mit einer Art Wegschubsen mit der Brust. Jeder wartet auf die Reaktion des Gegenübers, obwohl das taktisch total hirnrissig ist. Bestimmt konnten Sie so einen Ablauf auch schon mal live miterleben, dann wissen Sie, wovon ich spreche. Es ist eigentlich komplett lebensmüde, den Gegner so nahe an sich herankommen zu lassen, vor allem, wenn man mit geöffnetem Körper und ohne schützende Hände vor dem Angreifer steht.
In der Frühphase kann man die Lage eventuell noch deeskalieren oder die Flucht antreten. Das ist aber immer von der Situation abhängig. Die Phase vor dem Kampf sollte auch immer dafür genutzt werden, den Gegner optisch abzuchecken und die Umgebung mit den Augen zu scannen, um sich Optionen zu schaffen: Liegen irgendwo Hilfsmittel herum, die einen beim Kampf unterstützen könnten, oder lungern noch weitere gruselige Gestalten herum, die zum Gegner gehören oder sich mit ihm verbünden könnten? Hat der Gegner eine Waffe bei sich, die ich vielleicht mit etwas Glück frühzeitig erkennen kann?
Meistens berührt einen der Aggressor in dieser Vorkampfphase oder kommt mit dem Kopf oder mit drohend ausgestrecktem Zeigefinger ganz nah an einen heran. Oft wird dann auch das Opfer weggeschubst nach dem Prinzip: »Eh, was willst du, Alter!« Hier gilt: Eine falsche Bewegung, und der Kampf ist eröffnet. Darauf wartet Ihr Widersacher!
Ein Straßenschlägerprofi schlägt sofort zu, daher sind immer größte Vorsicht und ein Sicherheitsabstand geboten!
Den Abstand müssen Sie mit Gegenständen oder baulichen Objekten schaffen. Befinden Sie sich zum Beispiel in einer Gaststätte, können Ihnen physische Barrieren wie Stühle, Tische oder tragende Pfeiler hilfreich sein. Befinden Sie sich in einer Menschenmenge auf dem Volksfest, können Sie Ihre Mitmenschen als Hindernis für den Gegner nutzen, indem Sie entweder jemanden zwischen sich und den Aggressor ziehen oder sich mit einem schnellen Schritt hinter eine unbeteiligte Person begeben.
Während des Kampfes
Es ist also losgegangen. Vergessen Sie, was Sie in Spielfilmen und etlichen grottenschlechten Serien gesehen haben: dass der Kampf minutenlang andauert und sich beide Kontrahenten einen heftigen Schlag-, Tritt- oder Technikabtausch liefern. Meistens sind Kämpfe in sehr kurzer Zeit beendet, und zwar in unter 2 Minuten. Entweder geht einer der Beteiligten k. o., eine Partei verletzt sich, die Kampfparteien werden von herumstehenden Leuten getrennt, oder die Polizei trifft ein und setzt dem Ganzen einen Riegel vor. Sie sollten sich eines einprägen, denn einen Kampf gewinnt nicht unbedingt derjenige, der jahrelanges Kampftraining in einem Dojo hinter sich hat, sondern der, der zuerst den richtigen Treffer beim Gegner landet. Während des Kampfes werden Sie Opfer des Tunnelblicks, Sie fokussieren den Gegner mit Ihren Augen, weil der in diesem Moment die größte Bedrohung für Sie darstellt. Alles um Sie herum nehmen Sie nur noch bedingt wahr oder blenden es komplett aus.
Nach dem Kampf
Auch das ist ein wichtiger Abschnitt des Kampfgeschehens, denn heutzutage tritt der Gegner vielleicht noch auf Sie ein, während Sie auf dem Boden liegen. Obwohl Sie bewusstlos sind, sich nicht mehr wehren können und auch keine Gefahr mehr von Ihnen ausgeht, stampfen die Psychopathen auf Ihren Kopf ein.
Vielleicht erleichtert Sie der Aggressor dann noch um Ihre Wertsachen. Das muss aber nicht zwangsläufig passieren, es kommt schließlich immer drauf an, wie der Angreifer tickt und wie die Gesamtsituation verlaufen ist.
Eine Besonderheit sind hier Vergewaltigungsangriffe: Ist der Kampf zu Ende, wird der Mann versuchen, sein krankes Ziel, die Penetration an der Frau, zu Ende zu bringen. Das geschieht in der Phase, in der der eigentliche Kampf beendet ist. Hierbei muss das Opfer keineswegs bewusstlos sein, denn es ist häufig so, dass der Angreifer es schon psychisch gebrochen hat und daher keinerlei Gegenwehr erfolgt.
Angenommen, Sie haben sich erfolgreich gewehrt. Dann kann »nach dem Kampf« auch die längere Zeitspanne bedeuten, in der die Anzeige des Aggressors von der Staatsanwaltschaft aufgearbeitet wird. Denn der Angreifer begibt sich nicht selten in die Opferrolle, weil er die Niederlage nicht verwinden kann oder von Ihnen Schmerzensgeld fordern möchte. Dabei wird dem gegnerischen Anwalt Ihre postalische Anschrift übermittelt, von der sicherlich auch der Aggressor erfahren wird.
Denken Sie daran, dass auch die Zeit »nach dem Kampf« mit Konsequenzen für Sie aufwarten kann
Mir sind Fälle bekannt, in denen der Verteidiger von den Freunden des Aggressors zu Hause vor der Tür abgepasst wurde.
In unserem Justizsystem kann es auch passieren, dass Sie bei einem eventuell stattfindenden Prozess überrascht werden. Und zwar insofern, dass Sie auf einmal ein Teilverschulden zugesprochen bekommen oder Ihnen ein unangemessenes Verhalten unterstellt wird. Im schlimmsten Fall werden sogar Sie selbst verurteilt. Wer sich in der Materie auskennt, der weiß nur zu gut, dass manche Richter in Dimensionen denken, in denen sich kein normaler Mensch bewegt. Auch diese Berufsgruppe besteht nur aus Menschen und unterliegt wie die meisten den vielen Mythen und vor allem den Einflüssen der Unterhaltungsindustrie. Immer wieder fehlen dann bei den Urteilen der Mut und das Rückgrat für die Gerechtigkeit, und immer wieder kommt es dazu, dass Straftäter zu milde verurteilt werden, obwohl sie einem Menschen körperlich und auch psychisch gesehen das ganze Leben versaut haben.
»Nach dem Kampf« bedeutet aber auch das Verarbeiten des Geschehens. Hier reagiert jeder Mensch unterschiedlich. Vielleicht gehören Sie zu denjenigen, die das Ganze gut wegstecken können. Oder Sie zählen zu jenen, denen ein solches Ereignis mental schadet. Ich wünsche Ihnen, dass Sie zu ersterer Gruppe gehören, und wenn nicht, sollten Sie sich bei der Verarbeitung die Hilfe Ihrer Familie, Ihres Partners, Ihrer Freunde oder eines Psychologen holen.
Suchen Sie sich, falls Sie den Gegner im Kampf schwer verletzt haben, unbedingt einen Fachanwalt für Strafrecht, und machen Sie, falls Polizei am Ort des Geschehens eintrifft, keinerlei Aussagen zu dem Geschehen. Das ist Ihr gutes Recht!
Polizisten sind selten bei der Entstehung des Konfliktes anwesend und können sich daher beim Eintreffen am Ort der Tat nur schwer ein Bild vom Ablauf des Geschehens machen. Der Polizist fungiert hier ja auch nur als Sachbearbeiter, der das Ereignis aufnimmt. Zwar haben Polizisten oft einen guten Riecher und »kennen ihre Pappenheimer«, vor Gericht bringt Ihnen das aber wenig. Jede von Ihnen getätigte Aussage wird zu Protokoll genommen und könnte Sie danach rechtlich in Schwierigkeiten bringen. Sie sollten wissen, dass in dieser Situation der Strafrechtsanwalt Ihr einziger Freund ist, der Ihnen vielleicht helfen kann.
Das oben Genannte gilt natürlich nicht für Straftaten wie z. B. eine (versuchte) Vergewaltigung. Hier sollten Sie, wenn Sie bedauerlicherweise das Opfer geworden sind, sehr wohl der Polizei den Ablauf schildern, soweit Sie...