Einleitung[1]
Obwohl viele Jahrzehnte vergangen sind, prägt das »Dritte Reich« die Gegenwart noch immer. Sein unblutiges Erbe gehört zu den Selbstverständlichkeiten des deutschen Alltags. Es reicht von der polizeilichen Meldegesetzgebung über den Volkswagen bis zur Marktordnung für landwirtschaftliche Produkte. Dazu gehören die Umbenennung der Hilfsschule in Sonderschule, die Abschaffung der Deutschen Schrift und die Erfindung des Massentourismus. Der nationalsozialistische Staat entwickelte beides: eine bis dahin in Deutschland nicht bekannte Dynamik der Modernisierung und zugleich eine – bis dahin nirgendwo bekannte – Systematik der Zerstörung und Ausrottung. Der Tod und das unsägliche Leid vieler Millionen Menschen sind das blutige Erbe jener zwölf Jahre.
Seit einiger Zeit geraten zwar die Modernisierungsdynamik des Nationalsozialismus und damit jene Institutionen und Personen, die diesen Prozess vorantrieben, ins Blickfeld der Geschichtsbetrachtung, doch macht die Analyse im Allgemeinen dort halt, wo Auschwitz beginnt. In diesem Buch versuchen wir, die Zusammenhänge zwischen der Politik der Modernisierung und der Politik der Vernichtung offenzulegen. Wir beschreiben die Wechselbeziehungen von bestimmten Plänen und Taten, die im damaligen Deutschland entwickelt und begangen wurden. Sie waren darauf gerichtet, dem Deutschen Reich und schließlich dem gesamten europäischen Kontinent neue politische, ökonomische und soziale Strukturen aufzuzwingen, und zwar binnen kürzester Frist. Dies setzte den Krieg ebenso voraus wie die Entrechtung und Enteignung von Millionen Menschen.
Diese Pläne verbanden sich mit der Ideologie des Nationalsozialismus und mündeten in politischer und militärischer Aggression; es folgten – immer schneller – radikalere Vorhaben für eine neue europäische Ordnung, für ein deutsches Europa: Blitzkriege, Strukturmodelle, Vernichtungsfeldzüge, Generalsiedlungspläne, Gaskammern. Das Jahr 1941 – das Jahr der Siegeserwartung und des Rausches, alles und jedes neu gestalten zu können – ist gleichzeitig das Jahr, in dem die deutsche Staatsführung über den Mord an vielen Millionen Menschen entschied.
Die Gründe dafür erschließen sich ausreichend weder aus der Person eines Hitler, Himmler oder Goebbels noch aus der Selbstverhetzung und Verhetztheit eines ganzen Volkes, auch nicht aus dem Automatismus einer einmal in Gang gesetzten Ausgrenzungsmaschinerie und ihrer hochgradig arbeitsteiligen, reibungslosen – eben deutschen – Funktionsweise. Das alles hatte seine Bedeutung und gehört zu den Voraussetzungen der von den Deutschen begangenen Massenmorde.
Darüber hinaus aber existierten im Hintergrund Denkmodelle, Konzepte für »Endlösungen«, die die staatlich gesteuerte Massenvernichtung von Menschen – zwar selten ausdrücklich, aber umso häufiger mit sterilen wissenschaftlichen Begriffen – als funktional im Sinne einer langfristigen Erneuerung der gesellschaftlichen Strukturen empfahlen. Sie sind unser Thema. In ihrer Abstraktheit stehen diese Denkmodelle in einem scheinbaren Gegensatz zum Wüten der Vollstrecker. Und doch verfügte das nationalsozialistische Deutschland nicht nur über eine Ideologie, die als minderwertig eingestuften Menschen die Ausrottung zudachte, sondern zugleich über bis ins Detail durchdachte Theorien, wie ganze gesellschaftliche Klassen, Minoritäten und Völker »umgeschichtet« und dezimiert werden sollten. Ideologie und Theorie mussten aufeinandertreffen und ineinandergreifen, um Hadamar, Chełmno, Leningrad, Stukenbrock, Treblinka und Auschwitz ins Werk zu setzen. Und: Mit jedem weiteren Jahr der Existenz des nationalsozialistischen Deutschland wären weitere Millionen von Menschen umgebracht worden: mit dem Instrumentarium des Hungers, der Vertreibung, der Gaskammer und der Vernichtung durch Arbeit.
Unsere Überlegungen und Ergebnisse widersprechen einer Meinung, die zum Beispiel Hannah Arendt so formuliert hat: Das Einzigartige am Mord an den europäischen Juden sei nicht die Zahl der Opfer, sondern das Fehlen jeder Nützlichkeits- und Interessenabwägung auf der Seite der Mörder. Die Dokumente, die wir in diesem Buch vorlegen und interpretieren, zeigen, dass diese These nicht aufrechterhalten werden kann. Ebenso wie bei den Massenmorden an deutschen Geisteskranken und an der polnischen, serbischen und sowjetischen Bevölkerung sind bei der Ermordung der europäischen Juden auch utilitaristische Ziele erkennbar. Das macht diese Mordtaten nicht weniger entsetzlich.
Im Zusammenhang mit Auschwitz ist vielfach die Rede von »irrationalstem Rassenhass«, von »Vernichtung um der Vernichtung willen«, vom »Selbstlauf« der deutschen Bürokratie, vom »Rückfall in die Barbarei« und vom »Zivilisationsbruch«. Meist einfach übergangen oder doch relativiert wird dabei, dass die Vordenker der »Endlösung« die Ausrottungspolitik gegen andere Bevölkerungsgruppen, insbesondere in der Sowjetunion und Polen, in einer Linie mit dem Mord am europäischen Judentum sahen, als Bestandteil eines Gesamtkonzeptes negativer Bevölkerungspolitik.
Unsere Analyse zeigt, dass dabei Willkür und Selbstlauf eine untergeordnete Rolle spielten, dass im Gegenteil die Spitzen des damaligen Staates wissenschaftliche Politikberatung in hohem Maße förderten und deren Ergebnisse als wichtige Grundlage auch für die Entscheidungen über den Mord an Millionen Menschen nutzten.
Heinrich Himmler stand nicht nur im Sicherheitsdienst eine durchaus unorthodoxe und äußerst qualifizierte Denkfabrik mit entsprechender Datenbank zur Verfügung, sondern er berief zum Beispiel einen speziellen Inspekteur für Statistik, dessen wichtigste Aufgabe es war, ihn mit empirischem Grundlagenmaterial über die soziale Zusammensetzung der SS und für die Siedlungspläne im Osten zu versorgen. Um über das weitere Schicksal des Warschauer Ghettos zu entscheiden, gab Hans Frank ein Gutachten des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit (RKW) in Auftrag und machte sich dessen Empfehlungen zu eigen. Kurz zuvor hatte der Reichsfinanzminister, um sich ins Bild zu setzen und um für weitere Auseinandersetzungen gerüstet zu sein, das Lodzer Ghetto einer Wirtschaftlichkeitsprüfung durch den Reichsrechnungshof unterziehen lassen. Wehrmachtsführung und Ministerien ließen sich allein vom Kieler Institut für Weltwirtschaft mehr als 1600 Geheimgutachten erstellen, um die wirtschaftsstrategische Seite des Krieges abzusichern. Ein frühes Zeugnis dieser Art von Politikberatung im nationalsozialistischen Deutschland dokumentierte Hermann Rauschning aus dem Jahr 1934:
»Ich berichtete Hitler, was ich von der ›Planungsstelle‹ Kochs (des Gauleiters von Ostpreußen) gesehen hatte. Ein junger Professor v. Grünberg hatte da phantastische ›Planlandschaften‹ der Zukunft entwickelt. Er hatte in seinem Institut Karten entwerfen lassen mit Verkehrslinien, Kraftfeldern, Kraftlinien, Autostraßen, Bahnlinien, Kanalprojekten. Genau geplante Wirtschaftslandschaften erstreckten sich über den ganzen Osten bis zum Schwarzen Meer, bis zum Kaukasus. Auf diesen Plänen waren bereits Deutschland und Westrussland eine riesige wirtschaftliche und verkehrspolitische Einheit. Selbstverständlich nach Deutschland orientiert, von Deutschland geplant und geführt. Es gab in dieser ›Planwirtschaft‹ kein Polen mehr, geschweige denn ein Litauen.«[2]
Die Führung des nationalsozialistischen Staats entschied in der Regel nicht einfach nach Gutdünken, sondern auf der Grundlage umfassender Denkschriften. So bezeichnete sich etwa Hermann Göring bei der entscheidenden Konferenz vom 12. November 1938 »als nicht versiert genug«, um selbst die Konsequenzen einer »Entjudung der Wirtschaft« einzuschätzen. Er bat um Vorschläge, fand sie »wunderbar«, ließ sich Erlasse formulieren, setzte sie in Kraft. An der Konferenz nahmen mehr als 100 Leute teil. Sie repräsentierten ganz überwiegend den in Verwaltungs- und Wirtschaftsfragen äußerst kompetenten Mitarbeiterstab Görings und eine die gesamte damalige Politik beratende Intelligenz, die, wenn von den nationalsozialistischen Verbrechen die Rede ist, allzu leicht im Schatten der prominenten, in zeitgenössischen und späteren Darstellungen schier allmächtig erscheinenden Naziführer verschwindet.
In seinem Buch »Behemoth«[3] spricht der Jurist und Politikwissenschaftler Franz Neumann von Industrie, Bürokratie, Partei und Militär als den vier Säulen der NS-Herrschaft. Diese Säulen konnten das immer monströser werdende imperiale Gebäude des damaligen deutschen Staates nicht zuletzt deshalb so lange tragen, weil sie durch ebendiese wissenschaftliche Beratung miteinander verstrebt und stabilisiert wurden.
Die Berater der Macht wirkten in verschieden organisierten und sich verändernden Gremien, die sich aus Staatssekretären, leitenden Ministerialbeamten und Experten unterschiedlichster Couleur und Fachrichtungen zusammensetzten. Später rühmten sich diese Männer selbst, »Krisenmanager im Dritten Reich« gewesen zu sein.[4]
Im Folgenden schildern wir die Arbeit dieser Wirtschafts- und Verwaltungsfachleute, der Raumplaner, Statistiker und Agronomen, Arbeitseinsatzspezialisten und Bevölkerungswissenschaftler. Wir versuchen, ihr Einwirken auf die zentralen Entscheidungen der Jahre 1940 und 1941 zu analysieren. Es geht dabei um konkrete Verantwortlichkeit, um den planend-vorantreibenden Anteil dieser Experten an millionenfachem Mord.
Viele dieser Fachleute standen den neuen...