Dass „sich selbst vertrauen“ Faktor von Resilienz ist, ist offensichtlich. Das Vertrauen darauf, eine Krise, oder erlebtes Versagen zu überstehen - und daran zu wachsen – ist ein klares Zeichen von Widerstandskraft, ein Merkmal des „Steh-auf-Männchens“. Doch wie sieht es mit dem Selbstwert aus? Kann auch die stabile positive eigene Wertschätzung die Resilienz stärken?
Um diese Frage zu beantworten wird im Folgenden der Begriff „Resilienz“ analysiert und die Beziehung zum Selbstwert und Selbstbewertungsprozessen speziell im Bereich der Entwicklung und Förderung untersucht. Dabei verwende ich als Literatur die „Resilienz-Klassiker“ von Wustmann, Fröhlich-Gildhoff/Rönnau und Zander. Aus demselben Band wie Jünemann im vorherigen Kapitel, beziehe ich mich hier auf den Artikel zu Resilienz von Henninger (2016) in „Psychologie der Werte“, da dieser einen kompakten und aktuellen Überblick der aktuellen Resilienzforschung darstellt.
Ähnlich wie bei „Selbstwert“ und „Selbstwertgefühlen“ ist die genaue Definition des Begriffs „Resilienz“ von Fachbereich zu Fachbereich und Autor zu Autor abweichend. Der lateinische Stammbegriff „resilire“ ist mit „zurückspringen“ zu übersetzen. Im englischen versteht man unter „resilient“ 1 elastisch, federnd 2 (übertragen) unverwüstlich. „resilience“ bezeichnet entsprechend: „Belastbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Stabilität [of economy], Anpassungsfähigkeit, Unverwüstlichkeit, Strapazierfähigkeit, Elastizität, Spannkraft, Widerstandskraft [ability to recover], Nachgiebigkeit, Federn [of material], Rückstellkraft“ (Hemetsberger 2016, o.S.).
Resilienz – „Unverwüstlichkeit“ als auch „Nachgiebigkeit“, „Elastizität“ und gleichzeitig die „Widerstandskraft“? Woher kommt diese vielfältige Definition?
Im psychologischen Bereich kam der Begriff „Resilienz“ durch die „Beobachtung, dass Menschen unterschiedlich auf problematische Lebensumstände, Risiken und Krisen reagieren.“ (Henninger 2016, S. 158) zustande. Während negative Erfahrungen, wie Armut, oder der Verlust naher Bezugspersonen manche Menschen auf längere Zeit psychisch stark belasten (bis hin zu psychischen Auffälligkeiten oder Krankheiten, wie Depressionen), scheinen andere deutlich rascher in ihre vorherige Verfassung „zurückzuspringen“. Während die einen in Krisensituationen psychisch „strapazierfähiger“, „stark“ sind, scheinen andere weniger belastbar, leichter verwundbar, „schwächer“ zu sein. Gegenbegriffe zu Resilienz sind die Verwundbarkeit und Verletzbarkeit – „Vulnerabilität“ (Henninger 2016, S. 158).
Allgemein anerkannt, und somit Grundlage für die Forschungen und Fachliteratur (z.B. auch Fröhlich-Gildhoff) ist die Definition von Wustmann. Sie beschreibt Resilienz als „die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“ (Wustmann 2004, S. 18).
Grund der verschiedenen Definitionsversuche sind vor allem unterschiedliche Kriterien bei den Versuchen das Konstrukt „Resilienz“ zu erfassen. Je nachdem ob die grundlegenden Kriterien sich auf die äußerliche Umwelt beziehen, der Anpassung an die soziale Umwelt, oder beim Ermessen die „inneren Befindlichkeiten mit berücksichtigt“ (Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse 2015, S. 9) werden.
Für die Abgrenzung zu anderen Konstrukten, wie z.B. der Selbstwirksamkeit[16], Coping[17] und Coping Self-Efficacy[18] oder psychischer Gesundheit, sind zwei Voraussetzungen bei Resilienz ausschlaggebend:
1. Vorhandensein einer belastenden Situation und dass
2. diese positiv bewältigt wird. (vgl. Henninger 2016, S. 158, sowie Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse 2015, S. 10)
Das Resilienzkonstrukt wird aktuell als „erlernbar und situationsabhängig“ (Henninger 2016, S. 164)[19], als „variable Größe“ (Wustmann 2004, S. 30), „situationsspezifische“ (Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse 2015, S. 11) Kompetenz definiert und gilt „sogar als Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts“ (Henninger 2016, S. 164). Diese Kompetenz ist aber keine einzelne Fähigkeit oder Ressource, keine besondere „Coping-Strategie“, „kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal (…) wie Intelligenz oder Selbstwertgefühl“ (Fingerle 2011, S. 211, Bearb. S.S.).
Verschiedene Forschungen versuchten das Konstrukt näher zu fassen und verschiedene Thesen zu belegen.
Zu Beginn der Resilienzforschungen wurde davon ausgegangen, dass eine scheinbare „unverwundbare“ Entwicklung trotz psychosozialen Belastungen, bzw. sogenannten Risikofaktoren „auf angeborene Charaktereigenschaften“ (Henninger 2016, S. 158) beruhen. Entweder die Person ist ein sogenanntes „Steh-auf-Männchen“ oder nicht. So wurde in den 1970er-Studien Resilienz hauptsächlich „als Persönlichkeitsmerkmal“ (ebd. S. 158) erforscht.
Mit der Kauai-Längsschnittstudie von Werner und Smith wurden dann 1977 „mögliche Resilienzfaktoren“ (ebd. S. 158) entdeckt (siehe 2.2.1). Wichtige Untersuchungen, die ebenfalls das Ziel haben, die Faktoren für den unterschiedlichen Verlauf bei Risikokinder zu erfassen, sind: die „Mannheimer Risikokinderstudie“ (Laucht et al. 1999/2000) und die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“ (Lösel/Bender 1999).
Daraufhin legte die Forschung vermehrt ihr Interesse auf die Entwicklung von Resilienz (Henninger 2016, S. 159), welche ich im zweiten Unterpunkt gemeinsam mit Forschungen zur Förderung bearbeite. Diese Resilienzförderung untersuche ich dann in 2.3 daraufhin, welchen Stellenwert Selbstwert darin hat – ob sich These I: „Selbstwert als Faktor von Resilienz“ bestätigt.
„Die Pionierstudie der Resilienzforschung“ (Wustmann 2004, S. 86) von Werner und Smith (1982, 1992, 2001) ist u.a. die Grundlage des Konzepts der Risiko- und Schutzfaktoren. Die Forschung hier im Überblick (vgl. im Folgenden: Werner 2007, 20-29; Wustmann 2009, 87-89):
Werner und Smith dokumentierten in ihrer Kauai-Längsschnittstudie die Entwicklung von 698 Kindern; den gesamten Jahrgang 1955 der Hawaii-Insel Kauai bis 1995. Sie fokussierten sich dabei auf Risikofaktoren (schon während der Schwangerschaft) und die „Auswirkung ungünstiger Lebensbedingungen (Armut, psychische Erkrankungen der Eltern, andauernde Familiendisharmonie) auf die kognitive, physische und psychische Entwicklung der Kinder“ (Henninger 2016, S. 159; Wustmann 2004, S. 16). Eventuelle stärkende, schützende Faktoren wurden ebenfalls erfasst (siehe unten).
Von den Kindern, die von Werner und Smith zur „High-risk“-Gruppe gezählt wurden[20], entwickelte sich ein Drittel nach ihrer Einschätzung zu „selbstbewussten, zufriedenen und verantwortungsbewussten Erwachsenen ohne Lern- und Verhaltensauffälligkeiten oder sonstigen Schwierigkeiten (…) [mit einem] positiv[en] Selbstkonzept“ (Henninger 2016, S. 159, Bearb. S.S.). Sie hatten weniger gesundheitliche Probleme und bestätigten Zufriedenheit mit der Arbeitsstelle (vgl. Wustmann 2004, S. 16). Schon im Kindesalter dieser Personen unterschieden sich die Bewertungen von den anderen zwei Dritteln der Risiko-Kinder. Sie galten in ihrem sozialen Umfeld im Vergleich als „aktiv, liebevoll und gutmütig (…), wachsam, aufmerksam, autonom und neugierig“ (Henninger 2016, S. 159), entwickelten weniger Schlaf- und Essensauffälligkeiten, bessere Lese-, Kommunikations- und Logik- und motorische Fähigkeiten (vgl. Henninger 2016, S. 159). Weiter erschienen folgende Merkmale für sogenannte „resiliente“ Kinder zutreffend: Sie waren im Vergleich „selbstständiger, selbstbewusster und unabhängiger“ (Wustmann 2004, S. 98), weiter entwickelt in ihren „Kommunikations- und Bewegungsfähigkeiten“ (ebd. S. 98) und „mehr in das soziale Spiel mit Gleichaltrigen integriert“ (ebd. S. 98). Außerdem wiesen sie mehr „Selbsthilfefertigkeiten (verbunden mit dem Streben nach Autonomie) (…), aber auch die Fähigkeit, Hilfe zu erbitten, wenn diese für sie als notwendig erachtet wurde“ (ebd. S. 98) auf. Es wurde eine größere „Explorationslust“ und „Erkundungsbestrebungen“ beobachtet (vgl. ebd. S. 98).
Es stellte sich die Frage: Was unterschied dieses Drittel der belasteten Kinder von denen, die all diese positiven Eigenschaften nicht oder nicht erkennbar entwickelten?
Zur familiären Stabilität hatten diese „resilienten“ Kinder, laut Werner und Smiths Dokumentationen, feste Freunde und Vorbilder in ihrem weiteren sozialen Umfeld (vgl. Henninger 2016, S. 159), außerdem „Unterstützung von...