Der Konzernfinanzierung liegt der Gedanke zugrunde, dass jeder Konzern über die Betrachtung als wirtschaftliche Einheit hinaus, eine Finanzierungs-, Rentabilitäts- und Liquiditätseinheit darstellt. Die wesentlichste Aufgabe der Konzernfinanzwirtschaft ist die ausreichende Versorgung des Konzerns mit liquiden Mitteln und Kapital. Dies umfasst die Kapitalbeschaffung, -verwaltung, -einsatz sowie alle erforderlichen Maßnahmen für den Kapitalrückfluss. Der betriebswirtschaftliche Begriff der Finanzierung umschreibt alle finanziellen Vorgänge im Unternehmen. Eine eindeutige Abgrenzung der Aufgaben unter dem Begriff der Unternehmensfinanzierung ist jedoch nicht einheitlich definiert. In der Literatur wird zur Begriffsabgrenzung überwiegend zwischen dem engen bzw. klassischen und dem weiter gefassten Finanzierungsbegriff unterschieden.[34] Ersterer schränkt die Finanzierung auf die Beschaffung und Bereitstellung der von Kapital ein. Der weiter gefasste Finanzierungsbegriff beinhaltet über die Kapitalbeschaffung hinaus auch die Gestaltung der betrieblichen Zahlungsströme.
Bei der Übertragung des Finanzierungsbegriffes auf den Konzern bleibt die wesentliche Aufgabe der Kapitalaufbringung für die wirtschaftliche Aktivität erhalten. Diese bezieht sich allerdings nicht mehr auf das Einzelunternehmen, sondern auf alle konzernangehörigen Unternehmen. Dadurch wird der Begriff der Finanzierung erweitert. Innerhalb der konzernweiten Kapitalbeschaffung bestehen zur Finanzierung des Konzerns zusätzliche Möglichkeiten gegenüber einem Einzelunternehmen. Denn die Kapitalbeschaffung im Konzern bedeutet auch, dass Kapital zwischen den einzelnen Konzerngesellschaft nach Bedarf verteilt wird. Die direkten und indirekten Kapitalbeteiligungen zwischen der Muttergesellschaft und den Konzerngesellschaften führen zu finanziellen Verflechtungen im Konzern. Dies hat zur Folge, dass sich die finanzielle Lage einer Konzerngesellschaft nicht isoliert betrachten lässt. Durch den finanziellen Verbund der Konzernunternehmungen wirken sich die Rentabilitäts- und Liquiditätsentwicklungen jeder Konzerngesellschaft auf die Finanzlage des Konzerns aus. Dadurch kommen zu der konzernweiten Kapitalbeschaffung ebenfalls mit der Finanzierung verbundene Funktionen hinzu. Die finanzwirtschaftliche Führung, d. h. Koordination und Organisation der Finanzierung, zählt daher zu den zentralen Aufgaben der Konzernführung.[35] Im Rahmen der finanzwirtschaftlichen Führung entscheidet die Konzernführung über die Allokation der knappen Ressource Geld. Inhalt dieser Entscheidungen ist die Ausstattung der Konzerngesellschaften mit Eigen- und Fremdkapital.
Der Unternehmenszweck, Unternehmensgröße sowie die Unternehmensstruktur bestimmen die Anforderungen an die Finanzierung. Obwohl die Finanzierungsbedürfnisse in einem Einzelunternehmen gegenüber einem Konzern unterschiedlich sind, haben dennoch alle Unternehmen die gleichen wesentlichen finanzwirtschaftlichen Zielsetzungen.[36] Die grundsätzlichen Ziele der Finanzwirtschaft sind Rentabilität, Liquidität, Sicherheit und Unabhängigkeit.[37] Diese beeinflussen sich in ihren Konsequenzen gegenseitig und wirken sich vorrangig auf den Unternehmenswert aus. Die finanzwirtschaftlichen Entscheidungen zielen darauf ab, den Wert eines Einzelunternehmens zu maximieren.[38] Letztendlich zielt das Streben nach diesen Zielgrößen darauf ab, die Existenz und Fortentwicklung des Unternehmens zu sichern.
Das zentrale strategische Ziel der Finanzierung ist dabei die langfristige Existenzsicherung und das damit verbundene finanzielle Gleichgewicht des Unternehmens. Allerdings ist die Existenzsicherung nur zu gewährleisten, wenn sich das Unternehmen von verlustreichen oder nicht ertragsstarken Bereichen trennt und stattdessen die Interessen auf aussichtsreichere Bereiche konzentriert. In der Übertragung auf einen Konzern bedeutet dies, dass die Existenzsicherung des Konzerns nicht mit der Erhaltung aller Konzerngesellschaften gleichzusetzen ist. Für den Konzern beinhaltet dies die Notwendigkeit ggf. verlustbringende Konzerngesellschaften zu schließen oder zu liquidieren, wenn dadurch die Existenz des Konzerns gesichert wird.[39] An diese Zielsetzung knüpft eng das Erreichen eines Unternehmenswachstums an. Wachstum ist eine wesentliche Voraussetzung zur Sicherung der Überlebensfähigkeit des Konzerns. Nur wenn der Konzern wachsen kann um Erträge zu erwirtschaften ist er in der Lage seine Existenz langfristig zu sichern.[40]
Die finanz- und erfolgswirtschaftlichen Zielsetzungen stehen in einem engen Zusammenhang zu dem strategischen Ziel der Existenzsicherung. Im Mittelpunkt steht hierzu die Steigerung des Unternehmenswertes. Die finanzwirtschaftlichen Entscheidungen beeinflussen den Unternehmenswert. Im Konzern ergibt sich der Unternehmenswert aus der Summe der Beiträge der einzelnen Konzerngesellschaften. Nur durch eine langfristig angemessene Rendite, d. h. das Verhältnis des eingesetzten Kapitals zu dem erzielten Ergebnis innerhalb eines Zeitrahmens bzw. das Ergebnis einer finanzwirtschaftlichen Maßnahme, ist dies realisierbar. Die Erzielung einer angemessenen Rentabilität ist das Hauptziel jeder Konzernunternehmung.[41]
Die permanente Sicherung der Liquidität[42], d. h. die Aufrechterhaltung der ständigen Zahlungsbereitschaft, ist eine unverzichtbare Voraussetzung für den fortlaufenden Bestand eines Unternehmens. Demnach muss sich das Streben nach Rentabilität im Rahmen einer gesicherten Liquidität bewegen. Entgegen der zentralen Bedeutung ist der Erhalt des finanziellen Gleichgewichtes i. d. R. nur ein Bestandteil der finanziellen Zielsetzungen im Konzern und ist als unbedingt einzuhaltende Nebenbedingung des Rentabilitätszieles anzusehen.[43] Die Aufrechterhaltung von ausreichender Liquidität erfolgt durch die Abstimmung von Kapitalbedarf und –beschaffung, vor dem Hintergrund der verfügbaren Liquiditätsreserven. Dabei ist es für die zahlungsorientierte Betrachtung weniger von Bedeutung, zu jedem Zeitpunkt über einen hohen Bestand an liquiden Mitteln zu verfügen. Da „Überliquidität“ unwirtschaftlich ist, muss ein ausreichender Bestand an liquiden Mitteln dann zur Verfügung stehen, wenn Auszahlungen vorgenommen bzw. Verbindlichkeiten beglichen werden sollen.[44] Infolge bestehender Ungewissheiten von zukünftigen Zahlungsströmen ist mit einer Sicherheitsreserve an liquiden Mitteln zu planen.
Das Risiko oder der Erfolg von finanzwirtschaftlichen Entscheidungsdurchführungen ist im Voraus nicht exakt bestimmbar. Als komplementäres Entscheidungskriterium zur Rentabilität ist die Sicherheit. Dies gilt sowohl für Kapitalanlageentscheidungen als auch Kapitalaufnahmeentscheidungen. Dementsprechend werden durch das Sicherheitsstreben Grenzen für die Rentabilitätssteigerung gesetzt. Bei der Kapitalanlage müssen i. d. R. höhere Renditen mit einem erhöhten Verlustrisiko „bezahlt“ werden. Die Renditesteigerung erfährt somit eine Begrenzung, die sich von der Risikobereitschaft des Anlegers ableitet. Dieser Zusammenhang ist ebenfalls auf die Kapitalaufnahme zu übertragen und setzt auch bei der Kapitalaufnahme Grenzen. Wird bspw. teures Eigenkapital durch billigeres Fremdkapital ersetzt führt dies zu einem höheren Verschuldungsgrad und der damit verbundenen Gefahr der Illiquidität.
Die Erhaltung der finanziellen Unabhängigkeit ist eng mit den Zielsetzungen der Existenz des Konzerns verbunden. Insbesondere im Bereich der Kapitalaufnahme ist es das Ziel des Konzerns einen bestimmten, konzernpolitisch abhängigen Grad der Unabhängigkeit nicht zu überschreiten. Diese ist dann gefährdet, wenn durch umfangreiche Sicherheiten für Fremdkapital die unternehmerische Verfügungsgewalt eingeschränkt wird. Darüber hinaus führt eine zu kleine Streuung der Refinanzierungsquellen zu einer möglichen Einflussnahme der Gläubiger auf die Konzernpolitik.
Um die mit der Konzernfinanzierung verbundenen Zielsetzungen erreichen zu können, muss die Konzernfinanzwirtschaft in eine auf die Ziele abgestimmte Organisationsstruktur im Konzern abgestimmt sein. Die Ausgestaltung der Organisationsstruktur hängt dabei vor allem von zwei Fragestellungen ab.[45] Zum einen ist zu entscheiden, nach welchen Kriterien, wie bspw. Funktionen oder Sparten, der Konzern organisatorisch aufgebaut werden soll. Zum anderen ist der Umfang der Selbständigkeit der Konzerngesellschaften bzw. der Führungsanspruch der Muttergesellschaft festzulegen. Die organisatorische Konzernfinanzführung kann einerseits zentral oder dezentral erfolgen.[46]
Im Rahmen einer dezentralen Konzernfinanzwirtschaft behalten die Konzerngesellschaften weitgehend die Entscheidungsfreiheit im finanziellen Bereich. Die Muttergesellschaft bestimmt nur die Ausstattung der Konzerngesellschaften mit Eigenkapital und die Gewinnverwendung und den maximalen Verschuldungsgrad.[47] Zudem bestehen bei jeder Konzerngesellschaft eigenständige, lokale Bankkontakte zur laufenden Finanzierung der wirtschaftlichen Aktivitäten. Die Entscheidung über Umfang und Art der Fremdfinanzierung sowie die...