II. Fest und Theater
Der Dichter konnte nicht nach Belieben eine Tragödie schreiben und sie einem Theater zur Aufführung anbieten. Er war vielmehr einem komplizierten Reglement unterworfen, das hier nur in aller Kürze skizziert sei.
Alle Dramen des Sophokles erlebten ihre Uraufführung im Dionysostheater zu Athen anläßlich der Großen Dionysien im Frühjahr (März/April). An dem kleineren Fest der Lenäen im Winter wurden nur gelegentlich Tragödien, im größeren Umfang Komödien aufgeführt. Dionysos, der nicht zu dem Kreis der ehrwürdigen zwölf olympischen Götter gehört und in Athen erst relativ spät im sechsten Jahrhundert zu kultischen Ehren gelangte, war wie kein zweiter Gott dazu angetan, herrschende Zwänge, Schranken und Bindungen zu durchbrechen. In Athen gewann er eine derartige Popularität, daß ihm zu Ehren im staatlichen Festkalender vier große Feste eingerichtet wurden (alle in den Winter- und Frühlingsmonaten). Er war der eigentliche Gott der demokratischen Polis, dem auch die dramatischen Agone galten.
Denn die Tragödie des fünften Jahrhunderts hatte ihren Sitz im demokratischen Athen. Sie entstand nur dort; sie war das erste Bürgertheater der Welt, in dem die Zuschauer sich als gleiche fühlen konnten. Das Theater war ein Ort der Bürgeridentität; die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen waren ein ungemein fruchtbarer Nährboden für die Produktion von Dramen. In der knappen Spanne eines Zeitraums von weniger als einem Jahrhundert (Aischylos ist 499 das erste Mal aufgetreten) sind in Athen fast 1000 Tragödien und etwa 500 Komödien entstanden, die zusammengenommen, wären sie erhalten, 160 Bände im Format der heutigen Texteditionen füllen würden. Der erhaltene Bestand macht, Fragmentsammlungen nicht mitgerechnet, gerade sieben Bände aus.
Der Weg eines Dramas von der Konzeption bis zur Aufführung war der folgende: Gleich nach Beginn des attischen Jahres (im Spätsommer) hatte der höchste politische Beamte, der Archon Eponymos (er war für ein Jahr durch Los bestimmt worden), unter den sich für die Dionysien des folgenden Frühjahres bewerbenden Dichtern drei Tragödien- und fünf Komödiendichter auszuwählen, deren Stücke für die Aufführung zugelassen wurden. Ob der Archon oder seine beiden Beisitzer die Dramentexte ganz, teilweise oder in Auszügen lasen oder wie sie sich sonst einen Eindruck von dem Angebot der Bewerber verschafften, wissen wir nicht. Jedenfalls mußten die Komödiendichter je eine Komödie, die Tragödiendichter eine Trilogie von drei (bei Aischylos häufig inhaltlich zusammenhängenden, bei den anderen Tragikern meist ohne Bezug zueinander stehenden) Tragödien und dazu ein Satyrspiel anbieten.
Die finanzielle Unterstützung für die Produktion – die unserer Subvention entspricht – übernahmen Privatleute, die der Archon zu bestellen hatte. Sie hießen Choregen, «Chorausstatter», und mußten mit ihrem persönlichen Vermögen für alle Kosten (Ausstattung, Masken, Kostüme, Unterhalt von Schauspielern, Statisten, Musikern und Chormitgliedern einschließlich Tagegeldern und Bewirtung) aufkommen. Ein beträchtliches Vermögen war dazu erforderlich, das einzusetzen als Ehre galt, aber auch als Mittel der Einflußnahme, weshalb wir gerade die berühmtesten Staatsmänner Athens (Themistokles, Perikles, Nikias, Alkibiades) unter den Choregen finden. Man brauchte jedes Jahr 28 Choregen, drei für Tragödie und Satyrspiel (die Tetralogie wurde als Einheit betrachtet), fünf für die Komödie und zwanzig für den Dithyrambos.
Sodann begannen die Vorbereitungen, die sich bis kurz vor Beginn des Festes und der Aufführungen erstreckten. Die komplizierte Einstudierung der Chöre übernahm meist der Dichter selbst; er konnte aber auch einen Chorleiter (Chorodidaskalos) engagieren. Zwei Tage vor dem Fest fand im Theater (seit 444 im Odeion des Perikles) der sogenannte Proagon statt. Er diente der Vorstellung der Dichter und ihrer Stücke. Jetzt erfuhren die Bürger offiziell, daß z.B. eine Antigone, ein Ödipus usw. gegeben werde, sofern sich dies nicht schon ohnehin herumgesprochen hatte. Auch für die Darstellung besonderer Vorkommnisse bot der Proagon Gelegenheit.
Einen Tag später wurde das Kultbild des Dionysos in einem symbolischen Akt nach Einbruch der Dunkelheit aus einem kleinen Tempel außerhalb der Stadt bei Fackelschein in das Heiligtum gebracht. Dieses Ritual der Wiederholung sollte an das ursprüngliche Erscheinen des Dionysos erinnern und suggerieren, daß der Gott jetzt wieder da sei. Die Kunde von der Erscheinung des Gottes leitete dann die eigentlichen Festtage ein.
Am folgenden Tag fand zunächst die feierliche Prozession statt. An ihr nahmen alle Mitwirkenden der Agone teil. Die Choregen konnten hier der Öffentlichkeit ihre Großzügigkeit demonstrieren, die in Prunk und Farbenpracht der Gewänder und in den Opfergaben ihren Ausdruck fand. Wo der Prozessionszug begann, wissen wir nicht; er endete jedenfalls beim Tempel des Dionysos. Dann begaben sich die Menschen zu einer Volksversammlung in das benachbarte Theater, wozu auch zahlreiche Fremde kamen. Das Meer war ja mit Beginn des Frühjahrs wieder schiffbar geworden, und das Dionysosfest lockte viele Menschen von auswärts an. So war schon diese Volksversammlung ein Akt ‹nationaler› Selbstdarstellung mit allerlei Ehrungen, Bekränzungen für Bürger, Verleihung von Waffenrüstungen an die volljährig gewordenen Kriegswaisen. Bei dieser Gelegenheit mußten auch die Mitglieder des attischen Seebundes ihre Tributzahlungen leisten. Bis etwa zum Beginn des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.) konnten sich die Fremden auch von dem Wiederaufbau der durch die Perser zerstörten Akropolis (480 v. Chr.) überzeugen, wozu ja auch das Geld der Tribute benutzt wurde. Sie brauchten sich im Theater nur umzudrehen, um den Fortgang der Arbeiten zu sehen. Schon diese Rahmenbedingungen waren dazu angetan, die politische und kulturelle Überlegenheit Athens sichtbar zu machen, die dann in den Aufführungen ihren Höhepunkt fand.
Wohl noch am Nachmittag des gleichen Tages fanden die Aufführungen der Dithyramben statt. Dithyramben waren aus dem alten Kultlied des Dionysos hervorgegangene, strophisch gegliederte chorische ‹Heroenballaden›, deren Thematik nicht auf Dionysos beschränkt war. Ihre Aufführung war eine Angelegenheit der zehn attischen Phylen (Verwaltungsbezirke); jede Phyle brachte wahrscheinlich zwei Dithyramben zur Aufführung, insgesamt also zwanzig, mit einer Aufführungsdauer von jeweils ca. fünfzehn Minuten. Es wurden also jedes Jahr mehr Dithyramben aufgeführt als Tragödien, Satyrspiele und Komödien zusammen, und es ist sehr bedauerlich, daß von diesen Tausenden von Dithyramben kein einziger ganz erhalten ist. Nur aus wenigen Bruchstücken (zumeist auf Papyri) kann man sich eine ungefähre Vorstellung dieser im Laufe der Zeit auch Wandlungen unterworfenen Dichtung machen. Da die Dithyramben von jeweils aus 50 Knaben bzw. Männern bestehenden Chören vorgetragen wurden, brauchte man allein hierfür 1000 Chormitglieder. Rechnen wir die Chöre für Tragödie und Komödie sowie die Schauspieler, Chorleiter und sonstige Mitwirkende hinzu, so kommt man auf eine Zahl von über 1500 Mitwirkenden bei den dionysischen Agonen (die tragischen Chöre bestanden zur Zeit des Sophokles aus 15, die der Komödie aus 24 Mitgliedern). Sie alle waren an der Prozession beteiligt, zogen in das Theater ein und beschlossen den ersten Tag des Festes mit einem ausgelassenen Umzug.
Der zweite Festtag gehörte der Komödie, die ganz unmittelbar das aktuelle politische Geschehen zum Thema machte.
Die drei folgenden Tage waren dem Tragödienagon gewidmet, d.h. es wurden an jedem Tag drei Tragödien und ein Satyrspiel aufgeführt. Da nur eine einzige Trilogie vollständig erhalten ist (die Orestie des Aischylos) und sonst nur in einigen Fällen die Reihenfolge der Tragödien durch didaskalische Angaben (Inschriften oder Hypotheseis mit Angaben der Aufführungsdaten und Sieger) bezeugt ist, hat man mit viel Scharfsinn versucht, aus inneren Kriterien herauszufinden, welche Tragödie wohl vormittags, mittags oder nachmittags aufgeführt worden ist, indem man vor allem eine Korrespondenz zwischen den Gegebenheiten des Dramas (Zeitangaben) mit den natürlichen Licht- und Schattenverhältnissen zu den verschiedenen Tageszeiten gesucht hat. Aber dies ist nur sehr begrenzt möglich, da ja die fiktive Zeitspanne der Tragödie nicht mit dem wirklichen Ablauf der Tageszeit identisch ist.
Insgesamt waren die Athener und ihre Gäste im Theater an den fünf aufeinanderfolgenden Tagen einer enormen Anstrengung ausgesetzt, mußten sie doch außer den Dithyramben 17 Dramen rezipieren.
Das Publikum bestand vor allem aus den freien Bürgern Athens, ferner den Festgesandtschaften von auswärts, die aus Anlaß der Dionysien in Athen weilten. Aber auch Kinder, Frauen und Sklaven waren nicht ausgeschlossen, nahmen aber in weit geringerer Zahl teil. Genaueres wissen wir nicht, da die Bezeugung durch die Texte sehr knapp ist. Das gleiche gilt für das sogenannte Theorikon, ein...