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Tausend Zeilen Lüge

Das System Relotius und der deutsche Journalismus | Verfilmt als «Tausend Zeilen» unter der Regie von Bully Herbig, mit Elyas M'Barek und Jonas Nay in den Hauptrollen

AutorJuan Moreno
VerlagRowohlt Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783644005266
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Juan Morenos Bericht über den größten Fälschungsskandal seit Jahrzehnten Ein Reporter des «Spiegel» lieferte Reportagen und Interviews aus dem In- und Ausland, bewegend und oftmals mit dem Anstrich des Besonderen. Sie alle wurden vom «Spiegel» und seiner legendären Dokumentation geprüft und abgenommen, sie wurden gedruckt, und der Autor Claas Relotius wurde mit Preisen geradezu überhäuft. Aber: Sie waren - ganz oder zum Teil - frei erfunden. Juan Moreno hat, eher unfreiwillig und gegen heftigen Widerstand im «Spiegel», die Fälschungen aufgedeckt. Hier erzählt er die ganze Geschichte vom Aufstieg und Fall des jungen Starjournalisten, dessen Reportagen so perfekt waren, so stimmig, so schön. Claas Relotius schrieb immer genau das, was seine Redaktionen haben wollten. Aber dennoch ist zu fragen, wieso diese Fälschungen jahrelang unentdeckt bleiben konnten. Juan Moreno schreibt mehr als die unglaubliche Geschichte einer beispiellosen Täuschung, er fragt, was diese über den Journalismus aussagt.

Juan Moreno, geboren 1972 in Huércal-Overa (Spanien), arbeitete zunächst für den WDR, dann für die «Süddeutsche Zeitung». Seitdem ist er vor allem für den «Spiegel» in aller Welt unterwegs. Moreno hat mehrere Bücher geschrieben, u.a. «Teufelsköche» (2011), «Uli Hoeneß» (2014) und zuletzt «Tausend Zeilen Lüge» (2019) über den Fall Relotius, einen der größten Medienskandale der Nachkriegsgeschichte. Das Buch wurde zum Nr.-1-Bestseller, Juan Moreno als «Journalist des Jahres 2019» ausgezeichnet. 2020 startete er für den «Spiegel» den vielbeachteten Auslands-Podcast «Acht Milliarden».

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Leseprobe

«Ullrich, ich bin nicht dein Feind. Ich bin nur der Typ, der zur falschen Zeit am falschen Ort war und das macht, was du vermutlich an meiner Stelle genauso machen würdest. Es hätte auch dich treffen können. Du und ich, wir sind Reporter. (…) Es ist kein Neid, keine Missgunst, keine Rache, die uns antreibt, es ist, was wir sind.»

Aus meiner E-Mail an den damals designierten Chefredakteur Ullrich Fichtner, als der «Spiegel» noch von Claas Relotius’ Unschuld überzeugt war.

1. Kapitel Die Reportage


Warum Claas Relotius nie ein Reporter war

Claas Relotius wurde nicht ein Mal gefragt, ob er eine feste Stelle beim «Spiegel» antreten wolle, er wurde zwei Mal gefragt. Er hatte zu dem Zeitpunkt bereits einige Texte als Freier fürs Blatt geliefert, die so gut waren, dass man ihn unbedingt fest ans Haus binden wollte. Man kann sich streiten, ob das Gesellschaftsressort des «Spiegel» das beste Reportageressort Deutschlands ist. Unstrittig ist, dass die Reporter, die dort schreiben oder geschrieben haben, zu den Helden deutscher Journalistenschüler zählen: Alexander Osang, Cordt Schnibben, Alexander Smoltczyk, Barbara Supp, Matthias Geyer, Ullrich Fichtner, Klaus Brinkbäumer, Thomas Hüetlin, Takis Würger, Jochen-Martin Gutsch und einige andere mehr. Jeder Reporter kennt diese Namen, das Gesellschaftsressort galt für viele als eine Art Dreamteam, der FC Barcelona unter Pep Guardiola.

Es ist nicht normal, dass man eine Einladung in den exklusivsten Reporterpool des Landes ausschlägt. Schon gar nicht, wenn man dreißig Jahre alt und freier Autor ist. Die Auflagen der Zeitungen und Magazine gehen seit Jahren zurück, immer weniger Geld steht für Recherchen bereit, im journalistischen Meer der Verzweiflung, in das heute Jungreporter entlassen werden, gibt es für viele genau eine Insel: den «Spiegel». Keiner bietet Reportern ein vergleichbares Gehalt, keiner vergleichbare Recherchemöglichkeiten. Nicht die «Zeit», nicht die «Süddeutsche», nicht der «Stern». Niemand.

Die beiden damaligen Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer und Ullrich Fichtner, fragten Relotius, ob er sich vorstellen könnte, fest beim «Spiegel» anzufangen. Man sei sehr zufrieden mit seiner Arbeit.

Claas Relotius sagte nein.

Er fühle sich sehr geehrt, freue sich über das Angebot, könne es aber leider nicht annehmen. Geyer und Ullrich verstanden die Reaktion nicht. So ziemlich jeder deutsche Journalist wäre auf Knien für so eine Stelle nach Hamburg gekrochen. Geyer fragte nach dem Grund für die Absage.

Relotius, bescheiden, wie es seine Art war, drückte sich ein wenig vor der Antwort. Es gehe um etwas Privates, um seine Schwester. Seine jüngere Schwester, die er sehr liebe. Sie sei an Krebs erkrankt, jeden Morgen und jeden Abend nach seiner Arbeit würde er, Claas Relotius, sich um die Schwester kümmern. Sie brauche viel Pflege und Zuspruch, aus diesem Grund könne er unmöglich die Verantwortung übernehmen und diese wichtige Stelle als «Spiegel»-Reporter im Gesellschaftsressort mit gutem Gewissen antreten.

Vielleicht, auch das erwähnte Relotius, könne man ja, wenn es dann noch aktuell sei, zu einem späteren Zeitpunkt erneut über das Angebot sprechen. Selbstverständlich, sagten die zutiefst ergriffenen Chefs.

Relotius hatte die krebskranke Schwester davor nie erwähnt, noch sollte er später ein Wort über diesen Schicksalsschlag verlieren. Er war auch in der Folgezeit freundlich, zurückhaltend. Es war der Moment, in dem im Ressort sein Spitzname entstand: «Der treue Claas», so wurde Claas Relotius von da an im «Spiegel» genannt.

Relotius schrieb in der Folge weiter als Freier für den «Spiegel». Die Reportagen wurden trotz der Belastung durch die Schwester nicht schlechter, mehr noch, sie wurden besser. Immer und immer wieder kam er mit Rechercheergebnissen zurück, die seine Chefs verzückten. Es regnete Preise, Relotius wurde immer besser als Reporter. Darum fragten sie nach einiger Zeit, sehr zurückhaltend, sehr respektvoll, erneut. Ob er unter Umständen jetzt eine Möglichkeit sehe, zum «Spiegel» zu kommen? Ob es, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, weil es sicher schwierig sei darüber zu reden, der Schwester besser gehe?

Ohne – verständlicherweise – ins Detail gehen zu wollen, erklärte Relotius, dass jetzt ein besserer Zeitpunkt gekommen sei. Und ja, er könne sich vorstellen, fest beim «Spiegel» anzufangen.

Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, zwei der bekanntesten Reporter im deutschen Journalismus, hatten damit ein singuläres Talent, eine einzigartige journalistische Stimme fest an den «Spiegel» gebunden. «Ein Jahrhunderttalent», nannte ihn ein Kollege.

Dazu muss man wissen, dass der «Spiegel», ähnlich den Bayern in der Bundesliga, der langen Tradition folgt, anderen Blättern die besten Schreiber abzuwerben. Man kann bis heute kein Volontariat beim gedruckten «Spiegel» machen. Das stolze Signal nach draußen: Hier arbeitet niemand, der erst lernen muss. Hier sind nur Leute, die es bereits können. Der «Spiegel» versteht sich, begründet oder nicht, bis heute als Spitze des deutschen Journalismus, und der neue Stern im Schreiberfirmament Claas Relotius war jetzt Teil davon, Teil der Elite.

 

Claas Relotius hat keine Schwester.

 

Matthias Geyer, Relotius’ damaliger Chef, hat diese Geschichte vor einer Gruppe von Kollegen erzählt. Ich habe sie an den Anfang gesetzt, weil ich klarmachen will, wovon wir hier reden. Relotius war nicht jemand, der, gezwungen durch die Erwartungen des Umfelds, des Ressorts, der Konkurrenz, irgendwann anfing, zugespitzte Zitate in Texte zu schmuggeln. Er war nicht jemand, der später begann, als er merkte, dass er nicht aufflog, sich Beschreibungen auszudenken. Oder kleine erfundene Nebenfiguren. Dann Szenen. Und schließlich eine ganze mehr oder weniger komplett erfundene Reportage fabrizierte. So war das nicht.

Claas Relotius war ein Lügner, der nicht nur als Journalist erfundene Geschichten erzählte. Er log schon lange, bevor er beim «Spiegel» anfing. Er hätte vermutlich in jedem anderen Beruf auch gelogen. Relotius war nie ein Reporter, er war ein Hochstapler, der, wie sich zeigen wird, eher zufällig zum Print-Journalismus kam, weil er bald merkte, dass jemandem mit seinen Fähigkeiten genau hier eine meteoritenhafte Karriere offenstand. Und wäre er ein wenig charmanter, lustiger, charismatischer und seine Texte nicht ganz so melodramatisch verkitscht, könnte man dem Ganzen womöglich sogar ein wenig Catch-me-if-you-can-Flair abgewinnen. Aber auch das war Relotius nicht.

Ich weiß nicht, ob Relotius krank ist oder nicht. Er sagte von sich selbst – nachdem er aufgeflogen war –, dass er Hilfe brauche, dass er mit Ärzten rede und in Behandlung sei. Es gehört zu den wenigen Dingen, die ich ihm abnehme. Natürlich gibt es aus der Psychologie Erklärungsmodelle für Hochstapler, sie klingen immer ähnlich. Ein emeritierter Psychologieprofessor, dem ich den Fall erzählte, sagte mir, dass Relotius’ Geschichte von «geradezu beleidigender Schulbuchhaftigkeit» sei: Hochstapler sind in der Regel voll schuldfähig. Sie hätten eine starke Neigung zur dramatischen Selbstdarstellung, gepaart mit gesteigertem Geltungsbedürfnis. Ich dachte, während der Professor redete: «Neigung zur dramatischen Selbstdarstellung? Gesteigertes Geltungsbedürfnis?» Das könnte für die halbe «Spiegel»-Redaktion gelten.

Ich werde weiter hinten im Buch vertiefen, was ich an Relotius’ Charakter so faszinierend finde. Und so verstörend.

 

Dass Reporter mit ihren Geschichten glänzen wollen, ist eine Selbstverständlichkeit. Was aber Claas Relotius so fundamental von vielen Kollegen unterscheidet, ist, dass er beim geringsten Widerstand eben nicht «dranblieb», nicht «nachhakte», nicht nach Alternativen suchte. Relotius erfand. Er quälte sich nicht. Er sparte sich den schwierigen Part, die eigentliche Arbeit. Natürlich machen Reporter diese nicht perfekt, einige nicht mal besonders herausragend, einige, an manchen Tagen, sogar hanebüchen schlecht, aber die allermeisten machen sie ehrlich. So gut es eben geht, so wie andere Menschen in anderen Berufen auch.

Claas Relotius, das ist mir wirklich wichtig, war nie Reporter. Bevor ich also über die Entstehung von «Jaegers Grenze» schreibe, der Reportage, die Relotius’ Fälscherkarriere beenden sollte, will ich daher einige Seiten über diesen Beruf – und die journalistische Form der Reportage – schreiben.

 

Würde man mich fragen, welche Farbe der Reporterberuf hat, meine Antwort wäre: grau. Mattes, kaum polierbares Grau. Ein Reporterleben besteht zum großen Teil darin, Leid, Schmerz und Problemen nachzureisen, sich danebenzustellen, einen Stift und Block zu zücken und das aufzuschreiben, was man sieht. Der Schmerz der anderen, das ist Reporter-Rohstoff. Das ist nicht sonderlich glamourös. Manchmal besuche ich auch Menschen, denen es besonders gutgeht, oder die Glück gehabt haben, aber Leser mögen solche Geschichten nicht. Viele behaupten zwar, dass sie das gern lesen, es stimmt aber nicht. Zweifler mögen einen beliebigen Online-Redakteur fragen, worauf Nutzer «klicken». Jeder Online-Redakteur kann zu seinen Klickzahlen einen Vortrag halten. So wie jeder Fernsehredakteur einen über Einschaltquoten halten kann. Denn was passiert regelmäßig in Nachrichtensendungen, wenn auf einen erschütternden ein positiver Beitrag folgt? Die Zuschauer schalten ab....

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