2. Die Entwicklung früher maladaptiver Schemata als Konsequenz unerfüllter Bedürfnisse
Das Konzept, von dem sich der Name der Schematherapie herleitet, ist natürlich das Schema; der Begriff entstammt aus dem Griechischen (σχήμα) und bezeichnet ein Muster, ein Grundgerüst oder ein organisierendes Rahmenwerk, welches dabei hilft, in einer komplexen Anordnung von Reizen oder Erfahrungen Ordnung herzustellen. Schemata (oder Schemas, wie sie im Deutschen im Plural auch bezeichnet werden) haben eine lange Geschichte in einer Vielzahl von Fachdisziplinen, darunter Philosophie, Informatik, Mengenlehre und Pädagogik, um nur einige zu nennen. In der Psychologie wurden Schemata in der kognitiven / entwicklungspsychologischen Literatur erstmals erwähnt und fanden von dort ihren Weg in die kognitive Therapie (Beck, 1972).
Im Kontext der Forschungen zur kognitiven Entwicklung bezieht sich das Konzept des Schemas auf Muster, die das Individuum der Realität oder seinen Erfahrungen auferlegt, um selbige leichter erklären zu können, seine Wahrnehmung anzupassen und eine Richtlinie für nachfolgende Reaktionen zu gewinnen. Ein Schema ist eine abstrakte Repräsentation der distinktiven Merkmale eines Ereignisses, eine Art Blaupause seiner salientesten (hervorstechendsten) Elemente. In der kognitiven Psychologie kann man sich ein Schema auch als einen abstrakten kognitiven Plan vorstellen, der als Orientierung für die Interpretation von Ereignissen und das Lösen von Problemen dient. Somit haben wir möglicherweise ein linguistisches Schema für das Verständnis eines Satzes oder ein kulturelles Schema für die Interpretation einer Legende. Der Begriff „Schema“ wird in der Psychologie wahrscheinlich am stärksten mit zwei Autoren assoziiert: Piaget (vgl. beispielsweise Piaget, 1937 / 1974), der sich in seinen Arbeiten detailliert mit Schemata in unterschiedlichen Stadien der kognitiven Entwicklung des Kindes auseinandersetzte, und Bartlett (1932), der diesen Begriff prägte und die Rollen von Schemata beim Lernen neuer Informationen wie auch beim Abrufen von Erinnerungen demonstrierte.
Im Zuge seiner fachlichen Entwicklung von der kognitiven Psychologie zur kognitiven Therapie verwies Beck (vgl. beispielsweise Beck, 1972) in seinen frühen Schriften auf Schemata. Allerdings wohnt die Vorstellung, dass Schemata oder übergeordnete Organisationsprinzipien im Leben jeder Person existieren und dieser Person dabei helfen, dem eigenen Leben Sinn zu verleihen, vielen Therapieansätzen inne, ob sie nun kognitiv oder anderweitig ausgerichtet sind. Ebenso würden viele Theoretiker der Aussage zustimmen, dass Schemata oft bereits sehr früh im Leben gebildet, über die Lebensspanne hinweg dann jedoch stärker ausgeprägt und weiterentwickelt werden. Weiterhin haben viele Ansätze die Auffassung gemeinsam, dass Schemata, die möglicherweise frühere Erfahrungen im Leben präzise erfasst haben, häufig auch in gegenwärtigen Lebenssituationen zum Tragen kommen, obgleich sie für diese nicht mehr anwendbar sind. Dasselbe würden auch Kognitions- und Entwicklungspsychologen vorhersagen – dass Schemata auf eine Weise operieren, die unser Gefühl von kognitiver Konsistenz aufrechterhalten. Dies ist die Art, wie Schemata funktionieren – sie dienen als Abkürzungen, die uns schnell zu dem bringen, was wir als wahrscheinlich wahr erachten, und uns so die Notwendigkeit ersparen, jedes Detail umfassend zu verarbeiten. In manchen Fällen sind Schemata oder Abkürzungen sehr effektiv, wenn es darum geht, rasch zu einer ziemlich genauen Einschätzung der Situation zu gelangen. In anderen Situationen liefern uns Schemata wiederum ein oberflächliches und entwurfhaftes Bild der Situation, das unzutreffend und verzerrt ist. Jedoch helfen uns Schemata in beiden Fällen, eine stabile Sichtweise von uns selbst und der Welt aufrechtzuerhalten – ob diese stabile Sichtweise nun zutreffend oder unzutreffend, adaptiv oder maladaptiv ist.
Es scheint, als ob Stabilität und Vorhersagbarkeit wünschenswerte Dinge seien, und in manchen Fällen sind sie dies auch durchaus. Beispielsweise hilft uns eine bestimmte Art von Schema – mentale Skripte – zu antizipieren, wie ein Schritt (wie der Hauptgang eines Menüs in einem Restaurant) einem anderen (dem Aperitif) folgt, sodass wir uns auch an einem vollkommen unvertrauten Ort (wie einem unbekannten Restaurant, möglicherweise sogar in einem anderen Land, dessen Sprache wir nicht beherrschen) zurechtfinden. Und selbst wenn ein Schema nicht vollkommen zutreffend ist, bleibt dieser Umstand oft ohne negative Folgen. So könnte uns etwa eine andere Art von Schema – Gruppenstereotype – dazu veranlassen, einen neuen Bekannten zu respektieren oder ihm irgendwelche herausragenden Fähigkeiten zuzuschreiben, nur weil er einer bestimmten ethnischen Gruppe, einem bestimmten Geschlecht oder einer bestimmten Nationalität etc. angehört.
Es existieren jedoch auch Schemata – insbesondere solche, die aufgrund schädigender Erfahrungen in der Kindheit erworben wurden und sich auf das Selbst sowie die interpersonelle Welt beziehen–, die schädliche Auswirkungen haben können. Derartige Schemata, die wir als „frühe maladaptive Schemata“ bezeichnen, sind Gegenstand der Schematherapie und bilden außerdem den Kern von Persönlichkeitsstörungen, interpersonellen Schwierigkeiten und einigen Störungen auf der Achse I des DSM.
Young, Klosko und Weishaar (2008) lieferten die folgende umfassende Definition eines frühen maladaptiven Schemas:
- Ein weitgestrecktes, umfassendes Thema oder Muster,
- das aus Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und Körperempfindungen besteht,
- die sich auf den Betreffenden selbst und seine Kontakte zu anderen Menschen beziehen,
- ein Muster, das in der Kindheit oder Adoleszenz entstanden ist,
- im Laufe des weiteren Lebens stärker ausgeprägt wurde und
- stark dysfunktional ist.
Mit anderen Worten, frühe maladaptive Schemata sind kontraproduktive emotionale und kognitive Muster, die zu einem frühen Zeitpunkt in unserer Entwicklung beginnen und sich das ganze Leben hindurch wiederholen. Beachten Sie, dass gemäß dieser Definition das Verhalten eines Individuums kein Bestandteil des Schemas ist – vielmehr wird davon ausgegangen, dass maladaptive Verhaltensweisen sich als logische Reaktionen auf ein Schema entwickeln. Somit werden Verhaltensweisen durch Schemata angetrieben, sind aber kein Teil irgendeines Schemas. Viele Verhaltensweisen spiegeln die Art wider, auf die wir Schemata bewältigen – und wir werden diese im Zusammenhang mit Bewältigungsstilen in den Kapiteln 4–7 erörtern.
Frühe maladaptive Schemata (die wir von nun an der Einfachheit halber lediglich als Schemata bezeichnen werden) gehen auf schädigende frühe Erfahrungen zurück – solche, bei denen die Bedürfnisse eines jungen Menschen auf sehr weitreichende Weise nicht erfüllt werden. Die meisten frühen Bedürfnisse (wie das Bedürfnis nach Sicherheit und sicherer Bindung oder das Bedürfnis nach nährender Zuwendung) sind in der Kernfamilie eines Kindes in ihrer stärksten Ausprägung gegenwärtig. Aus diesem Grund stellen Probleme im nahen familiären Umfeld in der Regel den Hauptursprung früher maladaptiver Schemata dar. Jene Schemata, die sich am frühesten entwickeln und am tiefsten in der Person verwurzelt sind, haben ihren Ursprung typischerweise in der Kernfamilie. Die Dynamik in der Familie eines Kindes bildet einen Großteil der Dynamik der gesamten frühen Erlebniswelt dieses Kindes. Wenn Klienten sich in ihrem Erwachsenenleben in Situationen wiederfinden, die ihre frühen maladaptiven Schemata aktivieren, erleben sie in den meisten Fällen ein Drama aus ihrer Kindheit wieder, zumeist im Zusammenhang mit einem Elternteil.
Andere Bereiche, die im Zuge des Reifungsprozesses des Kindes zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind der Freundeskreis, das erweiterte familiäre Umfeld, die Schule, Gruppen im Wohnumfeld und die umgebende Kultur. Schädigende Erfahrungen in diesen Bereichen – also Erfahrungen, bei denen zentrale emotionale Bedürfnisse unerfüllt bleiben – können ebenfalls zur Entwicklung von Schemata führen. Allerdings sind im späteren Alter entwickelte Schemata im Allgemeinen nicht so tiefgreifend oder machtvoll wie früh im nahen familiären Umfeld entwickelte Schemata. Dies könnte mit der Beschaffenheit der an die Familie gerichteten Bedürfnisse zusammenhängen, weiterhin mit der längeren Dauer des Kontakts zwischen einem Kind und seiner Herkunftsfamilie (im Vergleich zu den meisten Kontakten in Freundeskreis, Schule oder Nachbarschaft).
Wir haben vier Arten von frühen Erlebnissen beobachtet, die den Erwerb von Schemata fördern. Die erste ist die schädigende Nichterfüllung von Bedürfnissen. Diese tritt auf, wenn das Kind „zu wenig von einer guten Sache“ erfährt und Schemata erwirbt, die Defizite in der frühen Umgebung widerspiegeln. In der Umgebung des Kindes mangelt es an einer wichtigen Sache, wie Stabilität, Verständnis oder Liebe – und dieser Mangel wird zu einer dauerhaften Präsenz im Verstand des Kindes.
Eine zweite Art von frühem Erlebnis, durch die Schemata entstehen, ist Traumatisierung. Hierbei wird das Kind geschädigt oder viktimisiert und entwickelt daraufhin Schemata, die das Vorhandensein von Gefahr, Schmerz oder Bedrohung widerspiegeln. Das zentrale emotionale Bedürfnis nach Sicherheit wird nicht erfüllt; und was noch schwerwiegender ist, es wird direkt in Frage gestellt. Dies führt oft zu Schemata, die durch Misstrauen, Hypervigilanz, Angst und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet sind.
Bei einer dritten Art von frühem Erlebnis kommt dem Kind...